Donnerstag, 22. Juni 2017

Veganes wasser

Manchmal kommt man aus dem staunen nicht mehr raus, wenn man sich anschaut, was die marketingfuzzis sich so alles ausdenken. Neulich hörte ich, daß ein mineralwasser als vegan angepriesen wurde. Klar, denkt man, was soll ein wasser denn sonst sein, wenn nicht vegan? Ist schließlich dihydrogenmonoxid, also eine chemische verbindung und wird nicht aus kleinen häschen gewonnen.

Allerdings leitete Donald Watson, der den begriff vegan prägte, denselben vom Englischen begriff vegetable, also gemüse bzw. pflanze ab. Weshalb es natürlich merkwürdig ist, weshalb ausgerechnet eines der wenigen nicht organischen lebensmittel plötzlich pflanzlich sein soll.

Wer sich vor möglichem knochenleim unter flaschenetiketten gruselt, sollte vielleicht eher zum wasserhahn als zur flasche greifen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Nun danket alle HK

Es ist natürlich typisch, daß The Oggersheimer Previously Known As Chancellor Kohl (TOPKACK) sein löffelchen so abgegeben hat, daß er staatstragend am ehemaligen nationalfeiertag der Bonner Republik noch einmal coverboy seiner lieblingszeitung werde konnte.

Nö, großen grund zur dankbarkeit gibt es nicht, aber ausnahmsweise möchte ich etwas positives über den großen CDUmann sagen: der katholik Helmut Kohl hat persönlich beim papst gegen die ächtung der pille interveniert. Er war der auffassung, daß seine großmutter nicht freiwillig dreizehn kinder bekommen hätte und sicherlich froh gewesen wäre, wenn sie die pille gehabt hätte. Als minister Aldolf Süsterhenn mitte der 60er jahre noch zuchthäuser für ehebrecher (!) bauen lassen wollte, forderte Kohl, daß ein präservativsuchender die dinger unverfänglich am automaten bekommen sollte.

Auch an Kohl war nicht alles schlecht.


Fast schon traurig: einsamer rolli am Brandenburger Tor

Freitag, 16. Juni 2017

Auf der suche nach heilern

In der ard-mediathek habe ich einen interessanten dokumentarfilm von Rosa von Praunheim gefunden.

Der film beginnt mit dem geständnis, ein hypochonder zu sein »... und ich entschloß mich, wertfrei und hingebungsvoll allem und jedem zu glauben.« Am ende des films steht das fazit: »Was hat mir meine suche nach heilern gebracht? Wirklich geholfen hat mir niemand. Noch immer muß ich nachts siebenmal aufs klo, mein grüner star ist immer noch aktiv, und ohne schulmedizin würde ich erblinden. Noch immer habe ich polypen in der nase und muß kortison nehmen. Meine arthrose in den großen zehen ist nicht besser geworden und meine angst vor reisen hat eher zugenommen. Aber ich habe faszinierende menschen kennengelernt. Heiler, die gewillt sind, uns zuwendung und liebe zu geben und die an sich selbst glauben. Das jedenfalls können wir von ihnen lernen, vielleicht brauchen wir dann keine heiler mehr. Übrigens, durch sport und diät habe ich in sechs monaten mein körpergewicht reduziert von 105 kilo auf 90 kilo.«

Zum teil ist der quack, den die esos in diesem film erzählen, schwer zu ertragen. Eine der schönsten szenen ist ca. bei minute 23'30. Jürgen Flieges Wörishofener quackherbst. Mittendrin schnitt zu einer kuhweide. Stimmen aus dem off: »Oh, jetzt kackt sie gleich. Oh, toll - da. Und es leider keine nahaufnahme.« Schnitt zurück zu Jürgen Flieges Wörishofener Herbst. Besser kann man das wohl kaum kommentieren. Zwischendurch kommen aber auch immer wieder leute zu wort, die wissenschaftlich fundiert arbeiten. Und schlußendlich sind sie es, die helfen konnten.

Wie ich gesehen habe, gibt es den film auch bei youtobe:



Insgesamt ein sehenswerter film, der sehr unaufgeregt die arbeit von heilern und wissenschaftlichen medizinern gegenüberstellt.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Die »Eule« geht nicht mehr ins kino

Heute verstarb im alter von 82 jahren die am längsten amtierende filmkritikerin der welt, Renate Holland-Moritz. Von 1956 bis 2015 schrieb sie als »Kino-Eule« filmkritiken für das satiremagazin Eulenspiegel, die meist amüsant zu lesen waren.

In ihren gesammelten werken werde ich immer mal wieder gern schmökern.

Sonntag, 11. Juni 2017

Frankreich endlich bereit für sozialabbau

Gestern lief im Deutschlandfunk ein interview mit dem chefökonom Holger Schmiedig über die Situation in Frankreich. Und es ist durchaus interessant, was der Herr Schmieding über den herrn Macron, der in den Deutschen medien immer als der »linksliberale« kandidat angepriesen wurde zu sagen hat:

Zitat Holger Schmiedig: »Frankreich braucht reformen, so wie Deutschland vor 15 jahren reformen brauchte. Jetzt ist aber in Frankreich eine situation offenbar entstanden in der reformen gut möglich sind, wir haben bereits einen präsidenten der bereits ein klares mandat von seinen wählern hat für erhebliche wirtschaftsreformen [...] Deutschland ist heute stark, wegen der agenda 2010, ich bin recht optimistisch, daß Frankreich in fünf jahren mindestens so stark sein wird, nach den reformen von Macron, wie Deutschland es heute ist. Und daß Frankreich Deutschland sogar überholen könnte.
[...]
Die rechten und linken in Frankreich ist stark. Aber die reformorientierte mitte um Macron ist stärker. 2/3 der stimmen für ihn bei der stichwahl zum präsidenten, jetzt sieht es so aus, nach einer klaren mehrheit im parlament. Damit hätte Macron eine situation, die weit komfortabler war, als die, die Gerhard Schröder für die agenda 2010 [...] natürlich wird es zunächst proteste geben, das ist unvermeidlich bei änderungen, vor allem bei relativ einschneidenen änderungen, wie Macron sie wohl plant in einigen bereichen, aber Sie haben in Deutschland erlebt, daß einige zeit nach den reformen am arbeitsmarkt die beschäftigung zu steigen und zu steigen begann. Heute ist ein sehr hoher grad der zufriedenheit erreicht. Ich denke, daß Frankreich in einigen jahren mit mehr arbeitsplätzen, mit steigenden einkommen, bei besserer produktivität, daß Frankreich auch dann seine spaltungen wird lindern können.«

Und wenn Frankreich seine reformen zu ungunsten der arbeitenden bevölkerung durchführt, ist es für den »exportweltmeister« höchste zeit, seine »hausaufgaben« zu machen und weitere reformen durchzuführen, denn von Frankreich überholt zu werden, ginge gar nicht. Ich hoffe nur, die Franzosen sind klug genug, vorher revolution zu machen, denn im gegensatz zu uns Deutschen wissen sie, wie das geht.

Samstag, 10. Juni 2017

Schon wieder grenztote

Natürlich nicht im mittelmeer, sondern laut bericht der Welt an der sogenannten »Innerdeutschen Grenze«, was könnte es wichtigeres geben, als an der Werra jetzt nach leichen zu angeln.

Mich erstaunt es, auf welche zahlen die heute kommen. Ich habe lange jahre im zonenrandgebiet gelebt und war 1986 in einer BGSkaserne in Nordhessen zu einem vortrag über die grenze zur DDR. Damals wurde dort die frage, wie viele tote es an mauer und grenze bislang insgesamt gegeben habe, damit beantwortet, daß ca. 65 fälle sicher belegt sind. Es wurde aber darauf hingewiesen, daß es auch zwischenfälle an der grenze gegeben habe, von denen man nicht wisse, ob sie tödlich endeten, weshalb man von bis zu ca. 80 grenztoten ausgehen müsse.

Bis vor wenigen jahren war von 139 grenztoten die rede. Das erscheint plausibel: die grenze existierte schließlich noch einige jahre und vielleicht hatte der BGS mitte der 80er die dunkelziffer niedrig angesetzt. Aber wie es jetzt dazu kommt, daß es 139 tote allein an der Berliner Mauer und zusätzlich noch 237 leichen aus der Werra gefischt wurden, erscheint nicht plausibel.

Offenbar müssen mehr todesopfer her, damit der realsozialismus monströser erscheint als er war. Und dafür ist es offensichtlich recht, auch todesfälle mitzuzählen, die nichts mit der grenze zu tun hatten, man aber irgendwie einen zusammenhang konstruieren kann. Und darum werde ich neueren berechnungen dieser zahlen keinen glauben mehr schenken.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Gottschalk und das BGE

An sich sind die BGEwochen des 1-euro-blog beendet. Allerdings wird das thema momentan in den medien öfter diskutiert. Auch der showmaster Thomas Gottschalk, der hauptsächlich durch affige kleidung und schlechte interviews auffiel, hat sich inzwischen für das grundeinkommen ausgesprochen.

So richtig wundern muß einen das nicht. Es kostet nichts, dafür zu sein und immerhin kann man dann auch noch mit wenig geistiger anstrengung für einen guten menschen gehalten werden:
Zitat Thomas Gottschalk: »Ich habe mich immer vor themen gedrückt, die mich selber nicht interessiert haben. Da mußte ich mich bemühen, da mußte ich mich einarbeiten, da mußte ich eine journalistische, sagen wir mal fleißarbeit hinlegen. Wenn ich aber sage -oh, das interessiert mich, auch themen, die mir, die mir gar nicht so liegen, also auch in dieser sendung ist dieses bedingungslose grundeinkommen.«
Die hellste birne war er nie und sich mal in ein thema einzuarbeiten, das etwas anderes als promitalk und seichteste unterhaltung kommt gar nicht in frage. Ist schließlich nicht interessant. Und in all seiner mitmenschlichkeit, daß die einen ihr geld nur verfressen, während die tüchtigen was draus machen würden.
Zitat Thomas Gottschalk: »Wenn irgendeiner erzählt, daß wir so viel an förderungsgelder ausgeben, an studentenförderung, an an kindergeld, an zuschüssen und so weiter und so weiter, das es sich auch rechnen würde, wenn jeder mensch, egal wer, ein grundeinkommen bekäme und da sage ich das ist interessant, das ist in so fern interessant, daß ich behaupte, daß der eine sein grundeinkommen in drei jahren verfünffacht hat und der andere hat’s verfressen. Aber sie hatten irgendwann mal die gleiche chance. Und das interessiert mich. Und ich bin jemand der immer seine herausgehobene situation, sei es im rundfunk, sei es im fernsehen dazu zu nutzen, andere mitzunehmen.«
Da will ich mal hoffen, daß seine durchschnittszuseher nicht zu mitgenommen aussehen werden, wenn das BGE sich durchsetzt, denn die meisten werden zu denen gehören, die ihr schönes BGE gar nicht toll nutzen können und es verfressen müssen. Der erzählt noch den gleichen bockmist, den man über die währungsreform 1948 erzählt hat. Die einen, die tüchtigen hätten was aus ihren 40 mark gemacht, während die anderen das geld bloß verfressen hätten. Damit wird dann erklärt, daß die einen wegen ihrer untüchtigkeit eben selbst schuld an ihrer situation wären, während die anderen halt durch ihre persönliche leistung ganz verdient an ihren reichtum gekommen wären. Daß eben die ungleichen gleich behandelt wurden, wird dabei grundsätzlich ausgeklammert. Nach dem kriege seien schließlich alle arm gewesen. Stimmt nicht. Die einen hatten beispielsweise fabriken oder mietskasernen und die anderen keine arbeit und mußten miete zahlen.

Und das gleiche passiert mit dem grundeinkommen auch: die einen können weiter ihren geschäften nachgehen, weil sie eigentum haben. Und die besitzlosen müssen zusehen, wie sie ihr dasein fristen.

Daran ist überhaupt nichts interessant. Haben wir alles schon gehabt.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Merkels spukschloß

Letztens »Unter den Linden« an der baustelle des hohzenklotzes.
Er: »Kuck Dir dit an, da baunse nen Hohenzollernschloss auf, dit wir nich wollten.«

Sie: »Dit is halt so mitte herrschaft: Dit olle schloß, hattense ooch nich jewollt.«

Er: »Damals, da sin'se nich jefracht wordn, was se wolln, de leute.«

Sie, nahezu kreischend: »Dit is halt so mitte herrschaft. Dit olle schloß, das hattense ooch so nich jewollt. Und heute inne demokratie werdn wa ooch nicht jefracht.«

Er: »Da kannste nüscht machen...«

Sie, plötzlich sehr ruhig: »Aussa warten, dassa wiedeer uffjebaut wird, der Palast der Republik.«

Dem schließe ich mich glatt an.

Samstag, 27. Mai 2017

Ein fall für die anstalt

Insgesamt war die sendung vom 16. mai nicht schlecht. Max Uthoff, Claus von Wagner und gäste haben einmal mehr politisches kabarett über die »schönheiten«, mit denen die lohnarbeitende bevölkerung hierzulande konfrontiert wird, präsentiert.



Gewundert habe ich mich jedoch über das solo von Anny Hartmann. Im video ab ca. 20'40 zu sehen. Die stellen sich auf die bühne reden über die gemeinheiten, die auf dem kapitalistisch organisierten arbeitsmarkt den menschen zugemutet werden und mitten drin wird eine noch größere zumutung, nämlich das BGE gefordert. Weil das 1-euro-blog zufällig gerade »BGEwochen« hat, ist das natürlich ein thema.

Damit niemand die ganze sendung anschauen muß, wenn er nicht will, hat das 1-euro-blog mal wieder keinerlei kosten und mühen gescheut und den text mitstenographiert, damit mein kommentar dazu verständlich ist.
Zitat Anny Hartmann: »Gäbe es ein grundeinkommen, hätte dieses zynische system keine chance.«
Die befürwortung eines grundeinkommens ist bereits die verweigerung, auch nur im traum an ein anderes system zu denken. Das grundeinkommen wird im zweifelsfall leider keine bessere welt bringen, sondern sehr wahrscheinlich etwas noch zynischeres als das, was es jetzt gibt.
Zitat Anny Hartmann: »Grundeinkommen - schön, daß es einige schon kennen, für die, die es nicht kennen, möchte ich es ganz kurz erläutern:

Grundeinkommen hat nichts mit kommunismus zu tun. Ist eigentlich merkwürdig oder? Die leute verwechseln mittlerweile kapitalismus mit demokratie.

Aber grundeinkommen hat nichts mit kommunismus zu tun das ist eins von ein paar modellen, wie man staatsfinanzen aufbauen kann. Wenn man, wie ich volkswirtschaft studiert hat, bekommt man das ganz gleichberechtigt mit anderen modellen beigebracht.

Und funktioniert wie folgt: jeder bürger des staates bekommt ca. 1.500€ monatlich und alles, was er verdient, kommt obendrauf. Jetzt kriegen die ersten schnappatmung - so uuuuhhhhh! - wie soll man das denn finazieren? Wo soll denn das ganze schöne geld herkommen?«
Mit kommunismus hat das leider tatsächlich nichts zu tun. Denn wie man die wirtschaft so aufbauen könnte, daß sie die bedürfnisse der menschen befriedigt, regelt das grundeinkommen nicht.

Und was die höhe des grundeinkommens betrifft, gehen die vorstellungen auch ziemlich auseinander: bei den einen sind beträge von ca. 450 € im gespräch, wo anders von bis zu 2000 €. Man muß bloß überlegen, welche variante wohl wahrscheinlicher ist.
Zitat Anny Hartmann: »Das ist immer der erste gedanke. Kein mensch fragt sich: was könnte das positives bewirken?«
Doch. Das frage ich mich schon seit langem. Und meine antwort auf diese frage ist: Höchstwahrscheinlich gar nichts. Im gegeneil.
Zitat Anny Hartmann: »Ich persönlich glaube, es würde den konkurrenzdruck aus der gesellschaft nehmen.«
Das ist ein weit verbreiteter irrtum über das grundeinkommen. Weil das grundeinkommen eine idee zur rettung des kapitalismus ist, darf man getrost davon ausgehen, daß es dann auch niedrig genug ist, daß auch wirklich möglichst alle zusehen müssen, sich eine gelegenheit zum geldverdienen zu suchen. So gut, wie akute not den menschen in die übelsten arbeitsverhältnisse zwingt, kann das jobcenter das kaum leisten.
Zitat Anny Hartmann: »Dann hätten die leute auch wieder zeit, sich zu entschuldigen, wenn sie einen anrempeln. Oder danke zu sagen, wenn man die tür aufhält [...] Also alles fragen, die man mal stellen könnte oder auch warum wird welche arbeit wie bewertet? Warum verdient ein fußballer das hunderfache einer krankenschwester? Der tut nix, der will nur spielen«
Menschen, die unfreundlich oder einfach schlecht drauf sind, wird es immer geben.

Es stimmt doch gar nicht, daß fußballer gemeinhin das hundertfache einer krankenschwester verdienen würden. Die meisten, die irgendwo in ihren dorfverein kicken gehen, verdienen damit gar nichts, die zahlen mitgliedsbeiträge für ihre vereine.

Und so ein großes rätsel, weshalb spitzensportler so viel geld hinterhergeworfen kriegen, ist es nun wirklich nicht.
Zitat Anny Hartmann: »Sind ja alles fragen, die man mal stellen könnte. Aber die frage ist immer nur - uuuuhhhh! - wo soll das schöne geld herkommen, wie sollen wir das finanzieren?«
Der staat finanziert alles, wovon er sich einen vorteil verspricht. Die Hartz-Reformen sind den staat erst mal teuer gekommen. Das ziel war aber dadurch einen konkurrenzvorteil gegenüber anderen staaten zu bekommen. Dank dumping-löhnen scheißt Deutschland seit jahren den weltmarkt mit waren zu. Das wird übrigens in der sendung in der nummer mit der wippe am schluß recht anschaulich dargestellt.

Zitat Anny Hartmann: »Ich kann Sie beruhigen, das haben viele kluge leute schon durchgerechnet - unter anderem ich in meinem studium, nein, auch andere.

Kleines beispiel, kleines beispiel von vielen, wo geld herkommen könnte: alle behörden, beamten und angestellten, die sich bisher mit der prüfung von bedürftigkeit und schikane von arbeitslosen beschäftigen, die werden überflüssig. Das setzt sehr viele gelder und noch mehr humanität frei.«
Ich möcht wohl meinen, daß es auch ökonomen gibt, die rechnen können. Allerdings ist anzuzweifeln, daß der staat gelder für mehr humanität locker macht.
Zitat Anny Hartmann: »Jetzt gucken mich hier einige an nach dem motto: »okay, vielleicht ist das finanzierbar. Ich kann mir das zwar überhaupt nicht vorstellen, wie soll das gehen, aber andererseits, kleine, rothaarige frau würde Sie doch nicht kackendreist anlügen. Aber gut. Immerhin sind wir in Der Anstalt - die muß doch verrückt sein.«

Wenn doch jeder 1.500€ kriegt, dann geht doch keiner mehr arbeiten. Das ist immer der zweite gedanke: dann geht keiner mehr arbeiten. Deswegen hat man ganz, ganz viele umfragen gemacht, man hat die menschen auf der straße gefragt: wenn Sie 1.500€ im monat bekämen, würden Sie weiter arbeiten gehen? 80% der menschen haben gesagt, sie würden weiter arbeiten gehen. Dann hat man exakt die gleichen menschen gefragt, ob se glauben, daß ihr nachbar weiter arbeiten gehen würde.

Wieviel prozent haben gesagt, ihr nachbar geht nicht weiter arbeiten? 80% natürlich.

Na, klar. Von sich denkt der mensch gut. Vom anderen denkt er schlecht.

»Ich bin der held der arbeit - aber mein nachbar, das is ne faule sau!«

Dabei heißt es so schön, von sich auf andere schließen. Der mensch an sich möchte doch arbeiten.

Der mensch an sich möchte was sinnvolles aus seinem leben machen. Gut - außer bänker, lobbyisten und Heidi Klum.«
Wenn es ein grundeinkommen gäbe, das wirklich zum leben reicht, würde ich natürlich zu den 20% der etwas klügeren gehören, die etwas besseres mit ihrer lebenszeit anfangen könnten, als ausgerechnet lohnmalochen zu gehen.

Mußestunden zu genießen ist schließlich etwas völlig anderes als »nichts sinnvolles« aus seinem leben zu machen.
Zitat Anny Hartmann: »Und das beste konzept, im leben glücklich zu werden ist doch - stellen Sie sich die frage »wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, womit würde ich mich dann beschäftigen?

Also, wenn ich nicht kabarettistin wär, ich wär restaurant-testerin. Und mit dem grundeinkommen können Sie sich diese frage stellen. Sie können sich die frage stellen, wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, womit würde ich mich beschäftigen?«
Wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, säße ich in einer villa mit seeblick und würde mich damit beschäftigen, ob es stilvoller ist, den swimmingpool mit Champagner oder Krimsekt zu befüllen. Außerdem würde ich mir gedanken drüber machen, wie mein personal zu höherer produktivität gezwungen werden könnte.
Zitat Anny Hartmann: »Sie könnten ganz frei überlegen, was sind Ihre stärken, wo liegen Ihre interessen, was sind Ihre talente? Sie können die frage auch umformulieren. Sie können auch fragen, wenn ich keine angst hätte, womit würde ich mich dann beschäftigen?

Und wenn Ihnen dann über pfingsten, da sollen ja auch schon ganz andere erleuchtet worden sein, etwas einfällt, dann wär am besten, auch ohne grundeinkommen, Sie machen das auch jetzt schon.

Ich weiß, es kostet mut und kraft, sein leben zu ändern. Aber wie viel mut und kraft muß es kosten, sein leben lang unglücklich zu sein?

Ich werde ja auch oft gefragt, woher ich den mut und die kraft hatte, meine stelle als diplom-volkswirtin bei der Sparkasse aufzugeben, ausgerechnet, um künstlerin zu werden. Das war ein lebenslang sicherer job und ein festes einkommen. Und ob ich denn jetzt, von meinem job als künstlerin leben könnte? Erstens, ja, das kann ich - ja Sie haben es bezahlt, vielen dank - und zweitens hat mich nie jemand gefragt, ob ich denn mit meinem job leben kann.

Man muß ja nicht nur von, man muß auch mit einem job leben können.«
Das hat mit dem grundeinkommen rein gar nichts zu tun, wenn man mit seinem leben etwas anderes anfangen möchte als bis zum bitteren ende den beruf auszuüben, den man nach der schule mal gelernt hat.

Mit dem job leben zu können würde auch mit grundeinkommen ein luxus sein, den sich die meisten eher nicht leisten können.
Zitat Anny Hartmann: »Und wenn Sie das nicht überzeugt. Ich hab ein argument, da kommen Sie nicht dran vorbei: Denn überlegen Sie mal mit so nem grundeinkommen, da wäre Adolf Hitler maler geblieben.«
Das zieht leider auch nicht. Dem anstreicher ging es nicht ums überleben, sondern um nichts geringeres als die rettung der Deutschen nation.

***

Die BGEwochen des 1-euro-blog sind beendet. Demnächst wird es wieder um andere themen gehen.

Freitag, 26. Mai 2017

Jeder seine eigene gewerkschaft

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, daß jemand allen ernstes glaubt, daß die grundeinkommensbefürwortenden chefs aus menschenfreundlichkeit die position der arbeitnehmer stärken wollten, kommt es noch härter:
Zitat Michael Bohmeyer: »Ich glaube wir brauchen da ein radikales umdenken. Ein grundeinkommen sorgt dafür, daß jeder seine eigene gewerkschaft ist. Und damit viel mächtiger. Wenn ich 1000 € hab, dann muß ich bestimmte jobs nicht mehr machen zu dem geld, wie ichs heute hab. Dann hab ich zum ersten mal einen wirklichen arbeitsmarkt, weil ich ne verhandlungsposition hab mit meinem chef, weil ich nein sagen kann [...]. Dann kann ich sagen, zu dem preis mach ichs nicht mehr. Und dann hat der arbeitgeber verschiedene optionen, entweder er verteilt die arbeit besser oder er bezahlt sie besser, dann kann es sein, daß das einfach teurer wird, saubere toiletten und saubere straßen zu haben, das würde dann auch dem realen gesellschaftlichen wert entsprechen. Und die jobs würden in ein oder zwei generationen total aufgewertet sein, weil wir sagen, wow, Du hast grundeinkommen und machst trotzdem die straße sauber, vielen dank, ich mag saubere straßen. Oder wir kurbeln die digitalisierung an, oder in dem fall die automatisierung, großer unterschied und wir haben viel mehr sich selbst reinigende klos, weil wir können uns nicht mehr leisten, menschen zu bezahlen, anständig, die das für uns machen. Es bringt also, da wo grundeinkommen hinkommt und das erleben wir in unseren experimenten, da entsteht verhandlungsspielraum und da kann man neue fragen stellen, die heute nicht möglich scheinen, weil alles scheint ja so gottgegeben zu sein. Das ist eben so. Nein, das muß nicht so sein, mit nem grundeinkommen können wir dinge neu hinterfragen. Und dann brauchen wir keine kollektivistische organisation mehr, die für mich kämpft, das funktioniert heute eh nicht mehr. Sondern dann bin ich meine eigene gewerkschaft und damit hundert mal effizienter, weil ich nämlich einfach nein sagen kann und deswegen leichter ja sagen kann.«

Zitat Anke Hassel: »Wir haben viele gesellschaften, wo es keine gewerkschaften gibt, wo gewerkschaften noch viel schwächer sind als in Deutschland, wir haben da weniger, daß der einzelne sagt, ich bin meine gewerkschaft. Wir merken schon, daß der einzelne schwächer ist als das kollektiv. Wenn wir auf die geschichte des sozialstaates und auf die geschichte Deutschlands zurückschauen, dann sind die sozialen fortschritte, die errungen wurden durch kollektive errungen worden. Durch menschen, die sich zusammengetan haben und gesagt haben, wir zusammen sagen nein, wozu nicht der einzelne sagt nein.[...] Der einzelne punkt zur verhandlungsmacht. Die annahme, daß mit einem grundeinkommen die verhandlungsmacht des einzelnen steigt. Ich glaube, daß bestimmte jobs dann einfach nicht mehr nachgefragt würden [...] entweder werden solche jobs wegrationalisiert und in manchen bereichen ist das vielleicht auch gut, warum auch nicht? Sie werden auch dort wegrationalisiert wo man sie vielleicht nicht haben wollte[...]. Die vorstellung, daß sich damit die optionen von menschen verbessern, die vielleicht gering qualifiziert sind und trotzdem sich aber dazuverdienen wollen, das diese handlungsmöglichkeit größer wird die ist nicht gegeben.[...] Davon auszugehen, daß für menschen am unteren ende [...] sich der möglichkeitsradius erweitert, das ist nicht unbedingt gegeben.«
Die ideen des herrn Bohmeyer sind an naivität kaum zu überbieten. Ich halte es, ähnlich wie frau Hassel, für eher unwahrscheinlich, daß sich mit dem BGE die möglichkeiten für arme verbessern. Eher im gegenteil. Wahrscheinlich ist sogar, daß sich dadurch auch die lebensverhältnisse für normalverdiener verschlechtern würden, weil dadurch alle sozialleistungen, die man im laufe seines lebens in anspruch nehmen kann, ein für alle mal wegfallen würden.

Noch eine interessante hörermeinung:
Zitat hörer aus Bahrendorf: »Ich wollte sagen, daß ich bisher diesem BGE skeptisch gegenüberstand, aber diese sendung mich davon überzeugt hat, daß ich ein gegner dieses grundeinkommens bin und zwar aus folgenden gründen: erstmal wundert mich, daß solche leute wie von der drogeriekette und die Telekomleute auf einmal dafür sind. Das erklärt sich für mich so, daß, wenn dieses BGE durchgekommen ist, dann gibt es das und sie können für die leute, die sie weiter beschäftigen, die löhne weiterhin senken. Grundlohn ist ja gesichert [...] und wenn das kommt, bin ich sicher, daß es über indirekte steuer, mehrwertsteuererhöhung und so weiter kommt, das ist ja schon in der diskussion, das würde die lebenshaltungskosten erhöhen und würde die ganze problematik dann in die zukunft verschieben, das die leute mit dem geld nicht mehr auskommen. Die andere sache ist die [...] jeder ist seine eigene gewerkschaft. Es individualisiert und meine erfahrung war in meinem leben, daß eine individualisierung nie zu einer verbesserung geführt hat, verschärfung von konkurrenz und solidarisches handeln entgegensteht[...].«

Zitat Michael Bohmeyer: »Sie sprechen das an, daß individualisierung eher zu verschlechterung geführt hat in der vergangenheit. Da stimme ich ihnen total zu, na klar. Wenn in diesem system jeder mensch erwerbsarbeiten muß, um überleben zu können und damit automatisch mit allen anderen um die viel zu knapp vorhandenen bezahlten arbeitsplätze konkurrieren muß, dann führt individualisierung natürlich dazu, daß es schwächere gewerkschaften gibt. Daß es weniger gemeinschaftsgefühl gibt, weil wir alle einander feind sind, weil wir alle überleben wollen. Grundeinkommen ist aber eine andere art der individualisierung. Es ist nämlich kein zwang damit verbunden. Ich glaube, daß der mensch sich in gruppen zusammenschließen möchte. Daß er familien, freundeskreise, gruppen und solche zugehörigkeiten haben will. Daß er solidarisch sein will. Aber er kann es aber eben nur dann, wenn sein überleben in würde gesichert ist, wenn er selber aus dem streß rauskommt. Wenn er nicht mehr das gefühl hat, er muß mit den anderen konkurrieren, dann kann erst echte solidarität entstehen. Und ich weiß, daß das ein bißchen schwer zu denken ist. Weil man dafür erstmal selber erkennen muß, daß die anderen eben nicht die feinde sind, das haben wir ja so lange gelernt in unserer gesellschaft. Dazu möchte ich einfach mal aufrufen, das einfach mal zu probieren. [...] Grundeinkommen ist nicht das ende des politischen. Wir werden danach noch über grenzen, über zuwanderung diskutieren müssen. Aber erstmal: warum sollen wir uns denn das schöne leben verwehren, nur weil andere dann vielleicht auch daran teilhaben wollen würden? Was ist das für eine annahme? Auch heute haben wir schon in Deutschland deutlich bessere sozialleistungen als in anderen Europäischen ländern und trotzdem ist der zuzug nicht so gigantisch groß, daß nicht trotzdem unsere bevölkerung schrumpfen würde. Und was wir mit den Außereuropäischen ländern machen und deren zuzug, naja, da sehen wir ja, was wir heute machen, wir sind ja schon eins der beliebtesten länder der welt und dann ertrinken jetzt die leute im mittelmeer. Das wird ein grundeinkommen nicht verändern. Und wir müssen darüber weiter debattieren und streiten. Das wird auch ein grundeinkommen nicht lösen.«
Dazu fällt mir so langsam nichts mehr ein.
Zitat Matthias Hanselmann: »Wissen Sie beide, womit ich ein problem habe? Der herr Bohmeyer ist ganz klar der visionär, er hat eine utopie, die er zum teil ja auch lebt und das finden ganz viele von unseren hörerinnen und hörern ganz wunderbar und frau Hassel ist wissenschaftlerin und ist praktikerin und hat ganz viele argumente, das ist klar, daß Sie jetzt in dieser situation weniger zuspruch von hörerinnen und hörern bekommen, als der herr Bohmeyer. Aber es geht ja letztlich um das menschenbild, herr Bohmeyer hat ein sein positives menschenbild. Er sagt, nur mit diesem menschenbild kann das BGE auch wirklich greifen. Sie haben aber kein negativeres menschenbild, frau Hassel, wenn Sie resümieren, was wir in den letzten beiden stunden besprochen haben, was bleibt bei Ihnen hängen?«

Zitat Anke Hassel: »Nein, ich glaube das menschenbild ist nicht die entscheidende frage beim grundeinkommen. Und das habe ich vorher schon gesagt. Es geht jetzt nicht um die frage, werden alle dann alle faul, legen die sich auf die faule haut, oder gehen wir davon aus, jeder möchte sich in die gesellschaft integrieren und wird aktiv sein. Ich glaub das auch, daß man zu einem erfüllten leben aktiv sein will und daß die menschen das im prinzip auch wollen. Mit dem punkt habe ich überhaupt kein problem. Das problem beim grundeinkommen ist für mich, zu sagen wir nehmen da sehr viel geld in die hand, wir müssen unser komplettes sozialsystem dafür verändern und mit diesem vielen geld, das wir für menschen ausgeben, die es nicht bräuchten, könnten wir so viel mehr erreichen. Das ist mein punkt: wir könnten viel bessere sachen machen mit diesem vielen geld.«
Es hat wenig mit dem menschenbild zu tun, wenn man konzernchefs, die für das BGE sind, mißtraut. Die mögen privat vielleicht nette menschen sein, was mit der sache aber nichts zu tun hat. Die sind nicht aus menschenfreundlichkeit auf ihren posten, sondern um dort geschäftsinteressen durchzusetzen und dafür käme ihnen das BGE gerade recht, weil sie damit eine menge probleme los wären.

Für die normalmenschen wäre damit allerdings gar nichts gelöst. Sie hätten zwar erstmal ein paar cent mehr in der tasche - aber dann eben auch wesentlich höhere kosten. Wer für das BGE ist, ist für die abschaffung des sozialstaates. Es ist eine wirklich seltsame sache, daß sich da jemand in ein hörfunkstudio setzt, die negativen auswirkungen des neoliberalismus beklagt und gleichzeitig die nächste neoliberale reform einfordert.

Vermutlich löscht er auch feuer mit vodka.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Irrtümer über menschenbilder und machtfragen

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Dem hörer aus Erfurt gefällt das menschenbild, das frau Hassel angeblich habe, nicht.
Zitat hörer aus Erfurt: »[...]Was ich wirklich sagen muß ist, daß mir dieses menschenbild nicht gefällt, was so vermittelt wird von Ihnen, frau Hassel. Also, auf der einen seite unterstellen Sie dem Herrn Werner und dem herrn von der Deutschen Telekom, daß ihr grundanliegen eigentlich darin besteht, wenn sie für das BGE sind, die verantwortung für möglicherweise reduzierte arbeitsplätze nicht übernehmen zu wollen. Das finde ich eigentlich nicht so. Ich finde es sogar sehr klug, was diese beiden männer machen, weil die wahrscheinlich noch mehr als andere unternehmer verstehen, daß natürlich die nachfrage irgendwann einbrechen wird, wenn gesellschaftliche verwerfungen sich dahingehend auswirken, daß die leute immer weniger sozusagen zeit und möglicherweise auch immer weniger geld haben. Durch streß krank werden. Andere prioritäten setzen müssen, sozusagen. Ich glaube das ist ziemlich klug, was diese... diese, gerade herr Werner, den ich schon ein paar mal live erlebt habe auch gerade in Erfurt, was ja der herr Werner auch vom ansatz grundsätzlich her hat. Und da bin ich auch schon eher der meinung von herrn Bohmeyer, der einfach auch schon ein modernes menschenbild hat, das möglicherweise auch noch gar nicht in gänze so existiert, aber er hat natürlich schon recht, daß viele, viele menschen in so einer art hamsterrad gefangen sind, sie sind gestreßt im job, sie müssen sich permanent gegen andere behaupten. Der solidarische gedanke geht im normalen arbeitsleben leider gottes weitgehend unter [...].«
Natürlich ist es ein modernes menschenbild, das Götz Werner oder Tim Höttges haben. Die finden es nämlich optimal, den menschen weiter für den kapitalismus zu konditionieren. Die sprechen gern von der würde, die man angeblich nicht hätte, wenn man irgendwo um hilfe bitten müsse.

Es ist erhellend, was Tim Höttges im interview mit dem handelsblatt sagt: »Wir arbeiten heute schon anders – zu Hause, im Office, unterwegs. Projektbezogen. Unsere Qualifikation ändert sich dauernd. Den klassischen Job, den ich nach Schule und Studium antrete und bis zur Rente ausübe, gibt es kaum noch. Job-Plattformen wie LinkedIn, wo man sich und seine Arbeitsfähigkeit selbst bewirbt, sind ja nur Symptome dieses Mechanismus. Der verlangt auch mehr Eigenverantwortung. Also wird es Phasen geben, in denen der Mensch keine Arbeit hat, umschult oder nur in Teilzeit für ein Unternehmen arbeitet. Diese Phasen wird der Sozialstaat überbrücken müssen. Warum soll man dessen komplexe Förderungssystematik nicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ersetzen?«

Es ist durchaus empfehlenswert, das gesamte interview zu lesen. Man kann dort eine durchaus moderne form der menschenfreundlichkeit bewundern, bei der nicht der mensch, sondern das arme, geplagte und förderungswürdige unternehmertum im mittelpunkt steht. Gefragt nach der Deutschen »grundeinkommens-fanbase«, in der auch frau Kipping von der LINKEN unterwegs ist, antwortet der natürlich nicht, daß deren »emanzipatorisches grundeinkommen« ein weltfremder schmarrn sei, sondern getreu dem motto »nicht über modelle diskutieren, sondern einfach dafür sein«, daß sich eben aus allen richtungen kluge köpfe für die gleiche idee solidarisieren würden, schließlich ginge es um den veränderungswillen.

Die LINKE vor dem karren des kapitals hat sich schon immer gut gemacht.
Zitat hörerin: »Es macht mir hoffnung, daß es vielleicht doch mal einen anderen weg in unserer gesellschaft gibt [...] Ich komm aus einer lebenserfahrung in der DDR, wo geld nicht ganz so ne rolle gespielt hat wie jetzt und das ist ein anderes lebensgefühl gewesen. Was oft ehemalige DDR-bürger bedauern, daß sie das verloren haben durch den kapitalismus, durch diese lebensweise. Ich will das jetzt nicht schönreden, aber es gibt da lebenserfahrungen, die wir gemacht haben im osten, die anders sind als jemand, der immer in dieser welt gelebt hat, wo alles immer nur vom geld bestimmt ist. «
Es ist deprimierend, wie sich menschen falsche hoffnungen auf eine sozialere welt machen. Die geldsorgen, die viele menschen im kapitalismus haben, werden mit dem grundeinkommen nicht kleiner, sie fangen dann erst richtig an: die sozialleistungen, die man jetzt noch in anspruch nehmen kann, wird es dann nicht mehr geben. Und das bedeutet, daß man mit dem BGE wirklich alles selbst kaufen muß.
Zitat Michael Bohmeyer: »[...] Es ist die verhandlungsposition und die machtfrage, die mit so einem grundeinkommen immer explizit und implizit gestellt wird, frau Hassel hier neben mir sagt ja, sie würde gern die gesellschaft besser machen durch bessere jobs und bessere löhne und mehr jobs im sozialen. Da frage ich mich, wie verdammt noch mal wollen wir das hinkriegen im neoliberalismus? Wo staatliche gelder immer weiter gekürzt werden? Wo gewerkschaften so schwach sind wie nie. Wo die digitalisierung vor unserer haustür steht. Also was ist das für eine utopie in diesem system verbesserungen zu finden, daß wir die sozialen aufgaben der zukunft mit den bisherigen mitteln geregelt kriegen?«
So ein schreck! Da ist es 2017 und plötzlich steht die digitalisierung vor der tür! Vor dreißig jahren hätte die sich das nie getraut!

Der herr Bohmeyer sollte sich, bei all den fragen, die er hat, zusätzlich auch noch die frage stellen, was eigentlich menschen wie der Timotheus Höttges für ein interesse verfolgen, wenn sie das grundeinkommen fordern. Daß diese figuren arbeitslose mit einer besseren verhandlungsposition und mehr macht ausstatten wollen, darf angezweifelt werden.

Aber es kommt noch besser.

Dienstag, 23. Mai 2017

Erfrischend neues von der freiheit

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Und natürlich darf das unvermeidliche nicht fehlen. Die freiheit:
Zitat hörerin aus Augsburg: »Ich begrüße die idee als solche, weil sie einen absolut herausfordernden paradigmenwechsel anstoßen muß, wenn es um sachverhalte geht wie gesellschaftlicher zusammenhalt und menschenbild. Ich würde mich jedenfalls darüber freuen, endlich mal wieder etwas zu haben was schier unbezahlbar ist, nämlich freiheit. Die freiheit meine kräfte, meine expertise dort einzusetzen, wo ich sie verantwortungsvoll einsetzen will. Das scheint mir genau der knackpunkt zu sein, wir können und wollen mit einer solchen freiheit nicht umgehen, wir reklamieren sie für uns, wenn wir haben. Wenn wir um unseren besitz fürchten, endet unser solidarisches denken genau an dieser stelle.«
Leider stehe ich vor dem rätsel, was diese vielbeschworene »freiheit« eigentlich sein soll und wer dieses »wir« ist, das mit dieser tollen sache nichts anzufangen wüßte. Wobei eines ganz gewiß ist: mit dem BGE bleiben die lohnarbeiter, die man heute normalerweise als »arbeitnehmer« bezeichnet, doppelt frei: sie sind nicht das eigentum von irgendjemandem und sie haben kein eigentum, weshalb sie mit ihrer »freiheit« kaum etwas besseres anfangen können, als lohnarbeiten zu gehen.

Das ende des sozialstaates, wie wir ihn bisher kennen, wird die menschen ganz bestimmt nicht dazu bringen solidarisch zu denken, sondern sie in eine noch härtere konkurrenz zwingen.
Zitat hörer aus Erfurt: »Ich finde die diskussion ziemlich interessant. Weil der herr Bohmeyer und die frau Hassel für diese zwei wirklich extrem verschiedenen sichtweisen sind und die frau Hassel die alte zeit symbolisiert und der Herr Bohmeyer mit seinen denkansätzen und seinen äußerungen für mich wahnsinnig modern ist. Das finde ich sehr erfrischend. «
Die äußerungen zum BGE sind so modern und erfrischend, wie sozialabbau nur sein kann. Nach der einführung von h4 wehte auch ein anderer nämlich frischerer wind. Der wurde von den millionen betroffenen als soziale kälte wahrgenommen.
Zitat Anke Hassel: »Ich finde die diskussion um das grundeinkommen ist eine scheindiskussion und auch eine scheinmodernität [...] Ich merke ja in reaktionen, wenn ich mich dazu äußere, wie emotional menschen darauf reagieren. Also da ist ja irgendwas. [...] Es ist ein sehr einfaches instrument, für einen sehr komplizierten sachverhalt, wenn man sagt, ja, das ist modern, das ist radikal, natürlich - es wirkt sehr radikal [...] letztlich finde ich das weder modern noch wirklich innovativ, weil es die probleme, die jeden tag gesellschaftlich bei uns anlanden in eine zeit versetzen, die irgendwo in der utopie sind [...] modern fände ich, wenn wir uns überlegen, wo sind denn wirklich die probleme in der gesellschaft sind [...] Die befürworter des grundeinkommens sprechen immer davon, daß die menschen angst vor neuem haben, sie sind angstbehaftet. Ich erlebe meine umwelt gar nicht so.«
An sich ist es verständlich, warum menschen das grundeinkommen gut finden. Geldmangel ist leider kein phänomen, das nur am unteren rand der gesellschaft vorkommt, das ist bis weit in die mittelschicht verbreitet und da ist es durchaus nachvollziehbar, daß menschen, die eigentlich von ihrem lohn recht gut leben können, ein zusätzliches einkommen begrüßen würden. Auch ist es verständlich, daß leute das h4system leid sind und alles besser finden, was irgendwie ein ausweg aus dieser misere sein könnte.

Insgesamt scheint die grundeinkommensbefürwortung eher aus dem bauch als aus dem verstand zu kommen. Was sind denn die paar kröten BGE wert, wenn man 50% konsumsteuer auf alles bezahlen muß?

Sind nicht z.b. kostenlose kindergartenplätze, krankengeld und andere sozialleistungen, die man in anspruch nehmen kann, wenn man sie braucht, mehr wert?

Von mir zumindest kann ich sagen, daß ich keine angst vor neuem habe, ich kann mir sogar ein wirtschaftssystem vorstellen, in dem der warentausch komplett abgeschafft ist und die produktion entsprechend nicht auf den geldgewinn, sondern auf die bedürfnisse der menschen ausgerichtet ist.

Aber das wäre dann kommunismus und an so was darf man nicht einmal denken, weil das mit der oben beschworenen »freiheit«, frei zu sein, zu tun was man unter sachzwang muß, leider gar nicht zusammenpaßt.

Montag, 22. Mai 2017

Freitag, 19. Mai 2017

Kapitalismus retten

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Aber immerhin ein hörer, der das alles zumindet anzweifelt:
Zitat hörer aus Frankfurt am Main: »Ein BGE kann im kapitalismus nicht funktionieren, weil der kapitalismus eben darauf beruht, profit zu machen und der profit und der profit ... das ist das entscheidende und nicht der bedarf. [...] Bedingungsloses grundeinkommen widerspricht kapitalistischer logik. Das kann nicht funktionieren. [...]«
Da ist was dran. Das grundeinkommen würde nichts daran ändern, daß es nicht um die bedarf der menschen, sondern um den profit geht. Mit dem grundeinkommen ginge es nicht, wie die wohlmeinenden menschenfreunde unter den BGEbefürwortern es sich wünschen, um die versorgung der menschen, sondern auch wieder nur um die verbilligung der arbeitskräfte.

Es ist eine ziemlich verkorkste idee, die leute erst um geld konkurrieren zu lassen, um am schluß vom erwirtschafteten geld den konkurrenzverlierern dann wenigstens noch ein angenehmes leben zu spendieren. Aber dafür ist das BGE gar nicht gedacht. Die meisten modelle sehen ein grundeinkommen vor, gegen die der h4regelsatz plus wohngeld schon fast als ein reicher geldsegen erscheint.

Der druck, den heute das jobcenter ausübt, jede auch noch so beschissene stelle anzunehmen wird ersetzt durch die »freie« enscheidung entweder hungerkünstler zu werden oder unter allen umständen arbeit anzunehmen.
Zitat Michael Bohmeyer: »[...]Wir müssen arbeiten, um ein erwerbseinkommen zu haben, damit wir leben können. Alle menschen müssen das. Und zwar mit immer höherem tempo, immer weniger zeit für reflexion und solidarität mit anderen. Und ich glaube, daß ein grundeinkommen, wenn man dann die eigentumsfrage thematisieren will, erstmal nichts antikapitalistisches ist, und ich würde eher noch sagen, es rettet die zeit des kapitalismus vielleicht noch ein bißchen [...] aber dann verändert es etwas im kopf, ich glaube das mit nem grundeinkommen viele menschen sich die frage stellen, [...] will ich das eigentlich noch? Also jetzt, wo geld nicht mehr so ein ganz knappes gut ist, wo ich ein gewisses maß an sicherheit hab, habe ich da überhaupt noch lust mitzuspielen, will ich vielleicht weniger arbeiten, will ich vielleicht was anderes arbeiten? Habe ich vielleicht resourcen, weil ich nicht mehr so im mangel bin, mich vielleicht auch mal um meine mitmenschen zu sorgen. Und ich glaub das sind die mechanismen, die den kapitalismus in frage stellen lassen und zwar nicht zu nem anderen, neuen autoritären sozialismus zu kommen, sondern vielleicht zu ner ganz neuen freiheitlichen form des zusammenlebens. Die wir uns heute, weil uns die psychische basis dafür fehlt, vielleicht noch gar nicht vorstellen können. [...] Mitte des jahrhunderts werden die hälfte der heute bekannten jobs von maschinen erledigt werden. Was machen wir denn mit den anderen leuten? Selbst wenn diese zahlen übertrieben wären und es nur 20 % sind - sollen die alle von h4 leben? Und dem amt jeden monat berichten, wo sie sind und was sie machen und in sinnlosen maßnahmen ihre lebenszeit verbringen? Ich glaub, wir brauchen neue antworten für die zukunft und ich kenne keine bessere als das grundeinkommen. Und ich habe auch von der gewerkschaft keine besseren antworten bekommen.«
Es ist falsch, daß alle menschen einer erwerbsarbeit nachgehen müßten. Es gibt zwei sorten menschen. Die, die für ihren lebensunterhalt arbeiten müssen und die, die für ihren lebensunterhalt arbeiten lassen. Interessanterweise werden nur letztere mit ihrem erwerb reich.

Es stimmt, daß die leute, die arbeiten müssen, das mit immer höherem druck tun. Das sind nicht die folgen einer naturkatastrophe, sondern das ergebnis von inzwischen jahrhundertelangem technischen fortschritt, der innerhalb kapitalistischen logik nie dazu geführt hat, daß die arbeit weniger oder leichter geworden wäre. Es ist immer daraus hinausgelaufen, daß die einen mehr und härter arbeiten mußten und die anderen auf der straße gestanden haben.

Diese zukunftsprognosen, daß der menschheit die arbeit ausginge, gibt es vermutlich seit beginn der Industriellen Revolution. In den 70er und 80er jahren des vergangenen jahrhunderts wurde davon gesprochen, daß nach der jahrtausendwende niemand mehr »vollzeit« würde arbeiten müssen, weil die segnungen der technik menschliche arbeit überflüssig mache und somit die arbeitswoche für die menschen dann hauptsächlich aus wochenende bestünde. Leider ist es anders gekommen.

Richtig ist, daß das BGE den kapitalismus nicht abschaffen wird. Es würde die negativen auswirkungen auf die menschen eher noch verschärfen, weil alle, die derzeit arbeitslos sind, dadurch gezwungen wären sich irgendwie geld zu verdienen und ganz traurig würde es für die aussehen, die aus welchen gründen auch immer nicht arbeiten können. Das würde eben nicht zu mehr solidarität mit anderen, sondern zu mehr konkurrenz führen.

Aber man muß den kapitalismus auf biegen und brechen aufrecht erhalten, weil sozialismus immer als totalitäres system gedacht werden muß. Das ist schließlich naturgesetz. Gibt ja nichts anderes und deswegen muß der kapitalismus notfalls mit dem BGE gerettet werden.