Samstag, 27. Mai 2017

Ein fall für die anstalt

Insgesamt war die sendung vom 16. mai nicht schlecht. Max Uthoff, Claus von Wagner und gäste haben einmal mehr politisches kabarett über die »schönheiten«, mit denen die lohnarbeitende bevölkerung hierzulande konfrontiert wird, präsentiert.



Gewundert habe ich mich jedoch über das solo von Anny Hartmann. Im video ab ca. 20'40 zu sehen. Die stellen sich auf die bühne reden über die gemeinheiten, die auf dem kapitalistisch organisierten arbeitsmarkt den menschen zugemutet werden und mitten drin wird eine noch größere zumutung, nämlich das BGE gefordert. Weil das 1-euro-blog zufällig gerade »BGEwochen« hat, ist das natürlich ein thema.

Damit niemand die ganze sendung anschauen muß, wenn er nicht will, hat das 1-euro-blog mal wieder keinerlei kosten und mühen gescheut und den text mitstenographiert, damit mein kommentar dazu verständlich ist.
Zitat Anny Hartmann: »Gäbe es ein grundeinkommen, hätte dieses zynische system keine chance.«
Die befürwortung eines grundeinkommens ist bereits die verweigerung, auch nur im traum an ein anderes system zu denken. Das grundeinkommen wird im zweifelsfall leider keine bessere welt bringen, sondern sehr wahrscheinlich etwas noch zynischeres als das, was es jetzt gibt.
Zitat Anny Hartmann: »Grundeinkommen - schön, daß es einige schon kennen, für die, die es nicht kennen, möchte ich es ganz kurz erläutern:

Grundeinkommen hat nichts mit kommunismus zu tun. Ist eigentlich merkwürdig oder? Die leute verwechseln mittlerweile kapitalismus mit demokratie.

Aber grundeinkommen hat nichts mit kommunismus zu tun das ist eins von ein paar modellen, wie man staatsfinanzen aufbauen kann. Wenn man, wie ich volkswirtschaft studiert hat, bekommt man das ganz gleichberechtigt mit anderen modellen beigebracht.

Und funktioniert wie folgt: jeder bürger des staates bekommt ca. 1.500€ monatlich und alles, was er verdient, kommt obendrauf. Jetzt kriegen die ersten schnappatmung - so uuuuhhhhh! - wie soll man das denn finazieren? Wo soll denn das ganze schöne geld herkommen?«
Mit kommunismus hat das leider tatsächlich nichts zu tun. Denn wie man die wirtschaft so aufbauen könnte, daß sie die bedürfnisse der menschen befriedigt, regelt das grundeinkommen nicht.

Und was die höhe des grundeinkommens betrifft, gehen die vorstellungen auch ziemlich auseinander: bei den einen sind beträge von ca. 450 € im gespräch, wo anders von bis zu 2000 €. Man muß bloß überlegen, welche variante wohl wahrscheinlicher ist.
Zitat Anny Hartmann: »Das ist immer der erste gedanke. Kein mensch fragt sich: was könnte das positives bewirken?«
Doch. Das frage ich mich schon seit langem. Und meine antwort auf diese frage ist: Höchstwahrscheinlich gar nichts. Im gegeneil.
Zitat Anny Hartmann: »Ich persönlich glaube, es würde den konkurrenzdruck aus der gesellschaft nehmen.«
Das ist ein weit verbreiteter irrtum über das grundeinkommen. Weil das grundeinkommen eine idee zur rettung des kapitalismus ist, darf man getrost davon ausgehen, daß es dann auch niedrig genug ist, daß auch wirklich möglichst alle zusehen müssen, sich eine gelegenheit zum geldverdienen zu suchen. So gut, wie akute not den menschen in die übelsten arbeitsverhältnisse zwingt, kann das jobcenter das kaum leisten.
Zitat Anny Hartmann: »Dann hätten die leute auch wieder zeit, sich zu entschuldigen, wenn sie einen anrempeln. Oder danke zu sagen, wenn man die tür aufhält [...] Also alles fragen, die man mal stellen könnte oder auch warum wird welche arbeit wie bewertet? Warum verdient ein fußballer das hunderfache einer krankenschwester? Der tut nix, der will nur spielen«
Menschen, die unfreundlich oder einfach schlecht drauf sind, wird es immer geben.

Es stimmt doch gar nicht, daß fußballer gemeinhin das hundertfache einer krankenschwester verdienen würden. Die meisten, die irgendwo in ihren dorfverein kicken gehen, verdienen damit gar nichts, die zahlen mitgliedsbeiträge für ihre vereine.

Und so ein großes rätsel, weshalb spitzensportler so viel geld hinterhergeworfen kriegen, ist es nun wirklich nicht.
Zitat Anny Hartmann: »Sind ja alles fragen, die man mal stellen könnte. Aber die frage ist immer nur - uuuuhhhh! - wo soll das schöne geld herkommen, wie sollen wir das finanzieren?«
Der staat finanziert alles, wovon er sich einen vorteil verspricht. Die Hartz-Reformen sind den staat erst mal teuer gekommen. Das ziel war aber dadurch einen konkurrenzvorteil gegenüber anderen staaten zu bekommen. Dank dumping-löhnen scheißt Deutschland seit jahren den weltmarkt mit waren zu. Das wird übrigens in der sendung in der nummer mit der wippe am schluß recht anschaulich dargestellt.

Zitat Anny Hartmann: »Ich kann Sie beruhigen, das haben viele kluge leute schon durchgerechnet - unter anderem ich in meinem studium, nein, auch andere.

Kleines beispiel, kleines beispiel von vielen, wo geld herkommen könnte: alle behörden, beamten und angestellten, die sich bisher mit der prüfung von bedürftigkeit und schikane von arbeitslosen beschäftigen, die werden überflüssig. Das setzt sehr viele gelder und noch mehr humanität frei.«
Ich möcht wohl meinen, daß es auch ökonomen gibt, die rechnen können. Allerdings ist anzuzweifeln, daß der staat gelder für mehr humanität locker macht.
Zitat Anny Hartmann: »Jetzt gucken mich hier einige an nach dem motto: »okay, vielleicht ist das finanzierbar. Ich kann mir das zwar überhaupt nicht vorstellen, wie soll das gehen, aber andererseits, kleine, rothaarige frau würde Sie doch nicht kackendreist anlügen. Aber gut. Immerhin sind wir in Der Anstalt - die muß doch verrückt sein.«

Wenn doch jeder 1.500€ kriegt, dann geht doch keiner mehr arbeiten. Das ist immer der zweite gedanke: dann geht keiner mehr arbeiten. Deswegen hat man ganz, ganz viele umfragen gemacht, man hat die menschen auf der straße gefragt: wenn Sie 1.500€ im monat bekämen, würden Sie weiter arbeiten gehen? 80% der menschen haben gesagt, sie würden weiter arbeiten gehen. Dann hat man exakt die gleichen menschen gefragt, ob se glauben, daß ihr nachbar weiter arbeiten gehen würde.

Wieviel prozent haben gesagt, ihr nachbar geht nicht weiter arbeiten? 80% natürlich.

Na, klar. Von sich denkt der mensch gut. Vom anderen denkt er schlecht.

»Ich bin der held der arbeit - aber mein nachbar, das is ne faule sau!«

Dabei heißt es so schön, von sich auf andere schließen. Der mensch an sich möchte doch arbeiten.

Der mensch an sich möchte was sinnvolles aus seinem leben machen. Gut - außer bänker, lobbyisten und Heidi Klum.«
Wenn es ein grundeinkommen gäbe, das wirklich zum leben reicht, würde ich natürlich zu den 20% der etwas klügeren gehören, die etwas besseres mit ihrer lebenszeit anfangen könnten, als ausgerechnet lohnmalochen zu gehen.

Mußestunden zu genießen ist schließlich etwas völlig anderes als »nichts sinnvolles« aus seinem leben zu machen.
Zitat Anny Hartmann: »Und das beste konzept, im leben glücklich zu werden ist doch - stellen Sie sich die frage »wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, womit würde ich mich dann beschäftigen?

Also, wenn ich nicht kabarettistin wär, ich wär restaurant-testerin. Und mit dem grundeinkommen können Sie sich diese frage stellen. Sie können sich die frage stellen, wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, womit würde ich mich beschäftigen?«
Wenn ich mir um geld keine gedanken machen müßte, säße ich in einer villa mit seeblick und würde mich damit beschäftigen, ob es stilvoller ist, den swimmingpool mit Champagner oder Krimsekt zu befüllen. Außerdem würde ich mir gedanken drüber machen, wie mein personal zu höherer produktivität gezwungen werden könnte.
Zitat Anny Hartmann: »Sie könnten ganz frei überlegen, was sind Ihre stärken, wo liegen Ihre interessen, was sind Ihre talente? Sie können die frage auch umformulieren. Sie können auch fragen, wenn ich keine angst hätte, womit würde ich mich dann beschäftigen?

Und wenn Ihnen dann über pfingsten, da sollen ja auch schon ganz andere erleuchtet worden sein, etwas einfällt, dann wär am besten, auch ohne grundeinkommen, Sie machen das auch jetzt schon.

Ich weiß, es kostet mut und kraft, sein leben zu ändern. Aber wie viel mut und kraft muß es kosten, sein leben lang unglücklich zu sein?

Ich werde ja auch oft gefragt, woher ich den mut und die kraft hatte, meine stelle als diplom-volkswirtin bei der Sparkasse aufzugeben, ausgerechnet, um künstlerin zu werden. Das war ein lebenslang sicherer job und ein festes einkommen. Und ob ich denn jetzt, von meinem job als künstlerin leben könnte? Erstens, ja, das kann ich - ja Sie haben es bezahlt, vielen dank - und zweitens hat mich nie jemand gefragt, ob ich denn mit meinem job leben kann.

Man muß ja nicht nur von, man muß auch mit einem job leben können.«
Das hat mit dem grundeinkommen rein gar nichts zu tun, wenn man mit seinem leben etwas anderes anfangen möchte als bis zum bitteren ende den beruf auszuüben, den man nach der schule mal gelernt hat.

Mit dem job leben zu können würde auch mit grundeinkommen ein luxus sein, den sich die meisten eher nicht leisten können.
Zitat Anny Hartmann: »Und wenn Sie das nicht überzeugt. Ich hab ein argument, da kommen Sie nicht dran vorbei: Denn überlegen Sie mal mit so nem grundeinkommen, da wäre Adolf Hitler maler geblieben.«
Das zieht leider auch nicht. Dem anstreicher ging es nicht ums überleben, sondern um nichts geringeres als die rettung der Deutschen nation.

***

Die BGEwochen des 1-euro-blog sind beendet. Demnächst wird es wieder um andere themen gehen.

Freitag, 26. Mai 2017

Jeder seine eigene gewerkschaft

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, daß jemand allen ernstes glaubt, daß die grundeinkommensbefürwortenden chefs aus menschenfreundlichkeit die position der arbeitnehmer stärken wollten, kommt es noch härter:
Zitat Michael Bohmeyer: »Ich glaube wir brauchen da ein radikales umdenken. Ein grundeinkommen sorgt dafür, daß jeder seine eigene gewerkschaft ist. Und damit viel mächtiger. Wenn ich 1000 € hab, dann muß ich bestimmte jobs nicht mehr machen zu dem geld, wie ichs heute hab. Dann hab ich zum ersten mal einen wirklichen arbeitsmarkt, weil ich ne verhandlungsposition hab mit meinem chef, weil ich nein sagen kann [...]. Dann kann ich sagen, zu dem preis mach ichs nicht mehr. Und dann hat der arbeitgeber verschiedene optionen, entweder er verteilt die arbeit besser oder er bezahlt sie besser, dann kann es sein, daß das einfach teurer wird, saubere toiletten und saubere straßen zu haben, das würde dann auch dem realen gesellschaftlichen wert entsprechen. Und die jobs würden in ein oder zwei generationen total aufgewertet sein, weil wir sagen, wow, Du hast grundeinkommen und machst trotzdem die straße sauber, vielen dank, ich mag saubere straßen. Oder wir kurbeln die digitalisierung an, oder in dem fall die automatisierung, großer unterschied und wir haben viel mehr sich selbst reinigende klos, weil wir können uns nicht mehr leisten, menschen zu bezahlen, anständig, die das für uns machen. Es bringt also, da wo grundeinkommen hinkommt und das erleben wir in unseren experimenten, da entsteht verhandlungsspielraum und da kann man neue fragen stellen, die heute nicht möglich scheinen, weil alles scheint ja so gottgegeben zu sein. Das ist eben so. Nein, das muß nicht so sein, mit nem grundeinkommen können wir dinge neu hinterfragen. Und dann brauchen wir keine kollektivistische organisation mehr, die für mich kämpft, das funktioniert heute eh nicht mehr. Sondern dann bin ich meine eigene gewerkschaft und damit hundert mal effizienter, weil ich nämlich einfach nein sagen kann und deswegen leichter ja sagen kann.«

Zitat Anke Hassel: »Wir haben viele gesellschaften, wo es keine gewerkschaften gibt, wo gewerkschaften noch viel schwächer sind als in Deutschland, wir haben da weniger, daß der einzelne sagt, ich bin meine gewerkschaft. Wir merken schon, daß der einzelne schwächer ist als das kollektiv. Wenn wir auf die geschichte des sozialstaates und auf die geschichte Deutschlands zurückschauen, dann sind die sozialen fortschritte, die errungen wurden durch kollektive errungen worden. Durch menschen, die sich zusammengetan haben und gesagt haben, wir zusammen sagen nein, wozu nicht der einzelne sagt nein.[...] Der einzelne punkt zur verhandlungsmacht. Die annahme, daß mit einem grundeinkommen die verhandlungsmacht des einzelnen steigt. Ich glaube, daß bestimmte jobs dann einfach nicht mehr nachgefragt würden [...] entweder werden solche jobs wegrationalisiert und in manchen bereichen ist das vielleicht auch gut, warum auch nicht? Sie werden auch dort wegrationalisiert wo man sie vielleicht nicht haben wollte[...]. Die vorstellung, daß sich damit die optionen von menschen verbessern, die vielleicht gering qualifiziert sind und trotzdem sich aber dazuverdienen wollen, das diese handlungsmöglichkeit größer wird die ist nicht gegeben.[...] Davon auszugehen, daß für menschen am unteren ende [...] sich der möglichkeitsradius erweitert, das ist nicht unbedingt gegeben.«
Die ideen des herrn Bohmeyer sind an naivität kaum zu überbieten. Ich halte es, ähnlich wie frau Hassel, für eher unwahrscheinlich, daß sich mit dem BGE die möglichkeiten für arme verbessern. Eher im gegenteil. Wahrscheinlich ist sogar, daß sich dadurch auch die lebensverhältnisse für normalverdiener verschlechtern würden, weil dadurch alle sozialleistungen, die man im laufe seines lebens in anspruch nehmen kann, ein für alle mal wegfallen würden.

Noch eine interessante hörermeinung:
Zitat hörer aus Bahrendorf: »Ich wollte sagen, daß ich bisher diesem BGE skeptisch gegenüberstand, aber diese sendung mich davon überzeugt hat, daß ich ein gegner dieses grundeinkommens bin und zwar aus folgenden gründen: erstmal wundert mich, daß solche leute wie von der drogeriekette und die Telekomleute auf einmal dafür sind. Das erklärt sich für mich so, daß, wenn dieses BGE durchgekommen ist, dann gibt es das und sie können für die leute, die sie weiter beschäftigen, die löhne weiterhin senken. Grundlohn ist ja gesichert [...] und wenn das kommt, bin ich sicher, daß es über indirekte steuer, mehrwertsteuererhöhung und so weiter kommt, das ist ja schon in der diskussion, das würde die lebenshaltungskosten erhöhen und würde die ganze problematik dann in die zukunft verschieben, das die leute mit dem geld nicht mehr auskommen. Die andere sache ist die [...] jeder ist seine eigene gewerkschaft. Es individualisiert und meine erfahrung war in meinem leben, daß eine individualisierung nie zu einer verbesserung geführt hat, verschärfung von konkurrenz und solidarisches handeln entgegensteht[...].«

Zitat Michael Bohmeyer: »Sie sprechen das an, daß individualisierung eher zu verschlechterung geführt hat in der vergangenheit. Da stimme ich ihnen total zu, na klar. Wenn in diesem system jeder mensch erwerbsarbeiten muß, um überleben zu können und damit automatisch mit allen anderen um die viel zu knapp vorhandenen bezahlten arbeitsplätze konkurrieren muß, dann führt individualisierung natürlich dazu, daß es schwächere gewerkschaften gibt. Daß es weniger gemeinschaftsgefühl gibt, weil wir alle einander feind sind, weil wir alle überleben wollen. Grundeinkommen ist aber eine andere art der individualisierung. Es ist nämlich kein zwang damit verbunden. Ich glaube, daß der mensch sich in gruppen zusammenschließen möchte. Daß er familien, freundeskreise, gruppen und solche zugehörigkeiten haben will. Daß er solidarisch sein will. Aber er kann es aber eben nur dann, wenn sein überleben in würde gesichert ist, wenn er selber aus dem streß rauskommt. Wenn er nicht mehr das gefühl hat, er muß mit den anderen konkurrieren, dann kann erst echte solidarität entstehen. Und ich weiß, daß das ein bißchen schwer zu denken ist. Weil man dafür erstmal selber erkennen muß, daß die anderen eben nicht die feinde sind, das haben wir ja so lange gelernt in unserer gesellschaft. Dazu möchte ich einfach mal aufrufen, das einfach mal zu probieren. [...] Grundeinkommen ist nicht das ende des politischen. Wir werden danach noch über grenzen, über zuwanderung diskutieren müssen. Aber erstmal: warum sollen wir uns denn das schöne leben verwehren, nur weil andere dann vielleicht auch daran teilhaben wollen würden? Was ist das für eine annahme? Auch heute haben wir schon in Deutschland deutlich bessere sozialleistungen als in anderen Europäischen ländern und trotzdem ist der zuzug nicht so gigantisch groß, daß nicht trotzdem unsere bevölkerung schrumpfen würde. Und was wir mit den Außereuropäischen ländern machen und deren zuzug, naja, da sehen wir ja, was wir heute machen, wir sind ja schon eins der beliebtesten länder der welt und dann ertrinken jetzt die leute im mittelmeer. Das wird ein grundeinkommen nicht verändern. Und wir müssen darüber weiter debattieren und streiten. Das wird auch ein grundeinkommen nicht lösen.«
Dazu fällt mir so langsam nichts mehr ein.
Zitat Matthias Hanselmann: »Wissen Sie beide, womit ich ein problem habe? Der herr Bohmeyer ist ganz klar der visionär, er hat eine utopie, die er zum teil ja auch lebt und das finden ganz viele von unseren hörerinnen und hörern ganz wunderbar und frau Hassel ist wissenschaftlerin und ist praktikerin und hat ganz viele argumente, das ist klar, daß Sie jetzt in dieser situation weniger zuspruch von hörerinnen und hörern bekommen, als der herr Bohmeyer. Aber es geht ja letztlich um das menschenbild, herr Bohmeyer hat ein sein positives menschenbild. Er sagt, nur mit diesem menschenbild kann das BGE auch wirklich greifen. Sie haben aber kein negativeres menschenbild, frau Hassel, wenn Sie resümieren, was wir in den letzten beiden stunden besprochen haben, was bleibt bei Ihnen hängen?«

Zitat Anke Hassel: »Nein, ich glaube das menschenbild ist nicht die entscheidende frage beim grundeinkommen. Und das habe ich vorher schon gesagt. Es geht jetzt nicht um die frage, werden alle dann alle faul, legen die sich auf die faule haut, oder gehen wir davon aus, jeder möchte sich in die gesellschaft integrieren und wird aktiv sein. Ich glaub das auch, daß man zu einem erfüllten leben aktiv sein will und daß die menschen das im prinzip auch wollen. Mit dem punkt habe ich überhaupt kein problem. Das problem beim grundeinkommen ist für mich, zu sagen wir nehmen da sehr viel geld in die hand, wir müssen unser komplettes sozialsystem dafür verändern und mit diesem vielen geld, das wir für menschen ausgeben, die es nicht bräuchten, könnten wir so viel mehr erreichen. Das ist mein punkt: wir könnten viel bessere sachen machen mit diesem vielen geld.«
Es hat wenig mit dem menschenbild zu tun, wenn man konzernchefs, die für das BGE sind, mißtraut. Die mögen privat vielleicht nette menschen sein, was mit der sache aber nichts zu tun hat. Die sind nicht aus menschenfreundlichkeit auf ihren posten, sondern um dort geschäftsinteressen durchzusetzen und dafür käme ihnen das BGE gerade recht, weil sie damit eine menge probleme los wären.

Für die normalmenschen wäre damit allerdings gar nichts gelöst. Sie hätten zwar erstmal ein paar cent mehr in der tasche - aber dann eben auch wesentlich höhere kosten. Wer für das BGE ist, ist für die abschaffung des sozialstaates. Es ist eine wirklich seltsame sache, daß sich da jemand in ein hörfunkstudio setzt, die negativen auswirkungen des neoliberalismus beklagt und gleichzeitig die nächste neoliberale reform einfordert.

Vermutlich löscht er auch feuer mit vodka.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Irrtümer über menschenbilder und machtfragen

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Dem hörer aus Erfurt gefällt das menschenbild, das frau Hassel angeblich habe, nicht.
Zitat hörer aus Erfurt: »[...]Was ich wirklich sagen muß ist, daß mir dieses menschenbild nicht gefällt, was so vermittelt wird von Ihnen, frau Hassel. Also, auf der einen seite unterstellen Sie dem Herrn Werner und dem herrn von der Deutschen Telekom, daß ihr grundanliegen eigentlich darin besteht, wenn sie für das BGE sind, die verantwortung für möglicherweise reduzierte arbeitsplätze nicht übernehmen zu wollen. Das finde ich eigentlich nicht so. Ich finde es sogar sehr klug, was diese beiden männer machen, weil die wahrscheinlich noch mehr als andere unternehmer verstehen, daß natürlich die nachfrage irgendwann einbrechen wird, wenn gesellschaftliche verwerfungen sich dahingehend auswirken, daß die leute immer weniger sozusagen zeit und möglicherweise auch immer weniger geld haben. Durch streß krank werden. Andere prioritäten setzen müssen, sozusagen. Ich glaube das ist ziemlich klug, was diese... diese, gerade herr Werner, den ich schon ein paar mal live erlebt habe auch gerade in Erfurt, was ja der herr Werner auch vom ansatz grundsätzlich her hat. Und da bin ich auch schon eher der meinung von herrn Bohmeyer, der einfach auch schon ein modernes menschenbild hat, das möglicherweise auch noch gar nicht in gänze so existiert, aber er hat natürlich schon recht, daß viele, viele menschen in so einer art hamsterrad gefangen sind, sie sind gestreßt im job, sie müssen sich permanent gegen andere behaupten. Der solidarische gedanke geht im normalen arbeitsleben leider gottes weitgehend unter [...].«
Natürlich ist es ein modernes menschenbild, das Götz Werner oder Tim Höttges haben. Die finden es nämlich optimal, den menschen weiter für den kapitalismus zu konditionieren. Die sprechen gern von der würde, die man angeblich nicht hätte, wenn man irgendwo um hilfe bitten müsse.

Es ist erhellend, was Tim Höttges im interview mit dem handelsblatt sagt: »Wir arbeiten heute schon anders – zu Hause, im Office, unterwegs. Projektbezogen. Unsere Qualifikation ändert sich dauernd. Den klassischen Job, den ich nach Schule und Studium antrete und bis zur Rente ausübe, gibt es kaum noch. Job-Plattformen wie LinkedIn, wo man sich und seine Arbeitsfähigkeit selbst bewirbt, sind ja nur Symptome dieses Mechanismus. Der verlangt auch mehr Eigenverantwortung. Also wird es Phasen geben, in denen der Mensch keine Arbeit hat, umschult oder nur in Teilzeit für ein Unternehmen arbeitet. Diese Phasen wird der Sozialstaat überbrücken müssen. Warum soll man dessen komplexe Förderungssystematik nicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ersetzen?«

Es ist durchaus empfehlenswert, das gesamte interview zu lesen. Man kann dort eine durchaus moderne form der menschenfreundlichkeit bewundern, bei der nicht der mensch, sondern das arme, geplagte und förderungswürdige unternehmertum im mittelpunkt steht. Gefragt nach der Deutschen »grundeinkommens-fanbase«, in der auch frau Kipping von der LINKEN unterwegs ist, antwortet der natürlich nicht, daß deren »emanzipatorisches grundeinkommen« ein weltfremder schmarrn sei, sondern getreu dem motto »nicht über modelle diskutieren, sondern einfach dafür sein«, daß sich eben aus allen richtungen kluge köpfe für die gleiche idee solidarisieren würden, schließlich ginge es um den veränderungswillen.

Die LINKE vor dem karren des kapitals hat sich schon immer gut gemacht.
Zitat hörerin: »Es macht mir hoffnung, daß es vielleicht doch mal einen anderen weg in unserer gesellschaft gibt [...] Ich komm aus einer lebenserfahrung in der DDR, wo geld nicht ganz so ne rolle gespielt hat wie jetzt und das ist ein anderes lebensgefühl gewesen. Was oft ehemalige DDR-bürger bedauern, daß sie das verloren haben durch den kapitalismus, durch diese lebensweise. Ich will das jetzt nicht schönreden, aber es gibt da lebenserfahrungen, die wir gemacht haben im osten, die anders sind als jemand, der immer in dieser welt gelebt hat, wo alles immer nur vom geld bestimmt ist. «
Es ist deprimierend, wie sich menschen falsche hoffnungen auf eine sozialere welt machen. Die geldsorgen, die viele menschen im kapitalismus haben, werden mit dem grundeinkommen nicht kleiner, sie fangen dann erst richtig an: die sozialleistungen, die man jetzt noch in anspruch nehmen kann, wird es dann nicht mehr geben. Und das bedeutet, daß man mit dem BGE wirklich alles selbst kaufen muß.
Zitat Michael Bohmeyer: »[...] Es ist die verhandlungsposition und die machtfrage, die mit so einem grundeinkommen immer explizit und implizit gestellt wird, frau Hassel hier neben mir sagt ja, sie würde gern die gesellschaft besser machen durch bessere jobs und bessere löhne und mehr jobs im sozialen. Da frage ich mich, wie verdammt noch mal wollen wir das hinkriegen im neoliberalismus? Wo staatliche gelder immer weiter gekürzt werden? Wo gewerkschaften so schwach sind wie nie. Wo die digitalisierung vor unserer haustür steht. Also was ist das für eine utopie in diesem system verbesserungen zu finden, daß wir die sozialen aufgaben der zukunft mit den bisherigen mitteln geregelt kriegen?«
So ein schreck! Da ist es 2017 und plötzlich steht die digitalisierung vor der tür! Vor dreißig jahren hätte die sich das nie getraut!

Der herr Bohmeyer sollte sich, bei all den fragen, die er hat, zusätzlich auch noch die frage stellen, was eigentlich menschen wie der Timotheus Höttges für ein interesse verfolgen, wenn sie das grundeinkommen fordern. Daß diese figuren arbeitslose mit einer besseren verhandlungsposition und mehr macht ausstatten wollen, darf angezweifelt werden.

Aber es kommt noch besser.

Dienstag, 23. Mai 2017

Erfrischend neues von der freiheit

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Und natürlich darf das unvermeidliche nicht fehlen. Die freiheit:
Zitat hörerin aus Augsburg: »Ich begrüße die idee als solche, weil sie einen absolut herausfordernden paradigmenwechsel anstoßen muß, wenn es um sachverhalte geht wie gesellschaftlicher zusammenhalt und menschenbild. Ich würde mich jedenfalls darüber freuen, endlich mal wieder etwas zu haben was schier unbezahlbar ist, nämlich freiheit. Die freiheit meine kräfte, meine expertise dort einzusetzen, wo ich sie verantwortungsvoll einsetzen will. Das scheint mir genau der knackpunkt zu sein, wir können und wollen mit einer solchen freiheit nicht umgehen, wir reklamieren sie für uns, wenn wir haben. Wenn wir um unseren besitz fürchten, endet unser solidarisches denken genau an dieser stelle.«
Leider stehe ich vor dem rätsel, was diese vielbeschworene »freiheit« eigentlich sein soll und wer dieses »wir« ist, das mit dieser tollen sache nichts anzufangen wüßte. Wobei eines ganz gewiß ist: mit dem BGE bleiben die lohnarbeiter, die man heute normalerweise als »arbeitnehmer« bezeichnet, doppelt frei: sie sind nicht das eigentum von irgendjemandem und sie haben kein eigentum, weshalb sie mit ihrer »freiheit« kaum etwas besseres anfangen können, als lohnarbeiten zu gehen.

Das ende des sozialstaates, wie wir ihn bisher kennen, wird die menschen ganz bestimmt nicht dazu bringen solidarisch zu denken, sondern sie in eine noch härtere konkurrenz zwingen.
Zitat hörer aus Erfurt: »Ich finde die diskussion ziemlich interessant. Weil der herr Bohmeyer und die frau Hassel für diese zwei wirklich extrem verschiedenen sichtweisen sind und die frau Hassel die alte zeit symbolisiert und der Herr Bohmeyer mit seinen denkansätzen und seinen äußerungen für mich wahnsinnig modern ist. Das finde ich sehr erfrischend. «
Die äußerungen zum BGE sind so modern und erfrischend, wie sozialabbau nur sein kann. Nach der einführung von h4 wehte auch ein anderer nämlich frischerer wind. Der wurde von den millionen betroffenen als soziale kälte wahrgenommen.
Zitat Anke Hassel: »Ich finde die diskussion um das grundeinkommen ist eine scheindiskussion und auch eine scheinmodernität [...] Ich merke ja in reaktionen, wenn ich mich dazu äußere, wie emotional menschen darauf reagieren. Also da ist ja irgendwas. [...] Es ist ein sehr einfaches instrument, für einen sehr komplizierten sachverhalt, wenn man sagt, ja, das ist modern, das ist radikal, natürlich - es wirkt sehr radikal [...] letztlich finde ich das weder modern noch wirklich innovativ, weil es die probleme, die jeden tag gesellschaftlich bei uns anlanden in eine zeit versetzen, die irgendwo in der utopie sind [...] modern fände ich, wenn wir uns überlegen, wo sind denn wirklich die probleme in der gesellschaft sind [...] Die befürworter des grundeinkommens sprechen immer davon, daß die menschen angst vor neuem haben, sie sind angstbehaftet. Ich erlebe meine umwelt gar nicht so.«
An sich ist es verständlich, warum menschen das grundeinkommen gut finden. Geldmangel ist leider kein phänomen, das nur am unteren rand der gesellschaft vorkommt, das ist bis weit in die mittelschicht verbreitet und da ist es durchaus nachvollziehbar, daß menschen, die eigentlich von ihrem lohn recht gut leben können, ein zusätzliches einkommen begrüßen würden. Auch ist es verständlich, daß leute das h4system leid sind und alles besser finden, was irgendwie ein ausweg aus dieser misere sein könnte.

Insgesamt scheint die grundeinkommensbefürwortung eher aus dem bauch als aus dem verstand zu kommen. Was sind denn die paar kröten BGE wert, wenn man 50% konsumsteuer auf alles bezahlen muß?

Sind nicht z.b. kostenlose kindergartenplätze, krankengeld und andere sozialleistungen, die man in anspruch nehmen kann, wenn man sie braucht, mehr wert?

Von mir zumindest kann ich sagen, daß ich keine angst vor neuem habe, ich kann mir sogar ein wirtschaftssystem vorstellen, in dem der warentausch komplett abgeschafft ist und die produktion entsprechend nicht auf den geldgewinn, sondern auf die bedürfnisse der menschen ausgerichtet ist.

Aber das wäre dann kommunismus und an so was darf man nicht einmal denken, weil das mit der oben beschworenen »freiheit«, frei zu sein, zu tun was man unter sachzwang muß, leider gar nicht zusammenpaßt.

Montag, 22. Mai 2017

Freitag, 19. Mai 2017

Kapitalismus retten

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Aber immerhin ein hörer, der das alles zumindet anzweifelt:
Zitat hörer aus Frankfurt am Main: »Ein BGE kann im kapitalismus nicht funktionieren, weil der kapitalismus eben darauf beruht, profit zu machen und der profit und der profit ... das ist das entscheidende und nicht der bedarf. [...] Bedingungsloses grundeinkommen widerspricht kapitalistischer logik. Das kann nicht funktionieren. [...]«
Da ist was dran. Das grundeinkommen würde nichts daran ändern, daß es nicht um die bedarf der menschen, sondern um den profit geht. Mit dem grundeinkommen ginge es nicht, wie die wohlmeinenden menschenfreunde unter den BGEbefürwortern es sich wünschen, um die versorgung der menschen, sondern auch wieder nur um die verbilligung der arbeitskräfte.

Es ist eine ziemlich verkorkste idee, die leute erst um geld konkurrieren zu lassen, um am schluß vom erwirtschafteten geld den konkurrenzverlierern dann wenigstens noch ein angenehmes leben zu spendieren. Aber dafür ist das BGE gar nicht gedacht. Die meisten modelle sehen ein grundeinkommen vor, gegen die der h4regelsatz plus wohngeld schon fast als ein reicher geldsegen erscheint.

Der druck, den heute das jobcenter ausübt, jede auch noch so beschissene stelle anzunehmen wird ersetzt durch die »freie« enscheidung entweder hungerkünstler zu werden oder unter allen umständen arbeit anzunehmen.
Zitat Michael Bohmeyer: »[...]Wir müssen arbeiten, um ein erwerbseinkommen zu haben, damit wir leben können. Alle menschen müssen das. Und zwar mit immer höherem tempo, immer weniger zeit für reflexion und solidarität mit anderen. Und ich glaube, daß ein grundeinkommen, wenn man dann die eigentumsfrage thematisieren will, erstmal nichts antikapitalistisches ist, und ich würde eher noch sagen, es rettet die zeit des kapitalismus vielleicht noch ein bißchen [...] aber dann verändert es etwas im kopf, ich glaube das mit nem grundeinkommen viele menschen sich die frage stellen, [...] will ich das eigentlich noch? Also jetzt, wo geld nicht mehr so ein ganz knappes gut ist, wo ich ein gewisses maß an sicherheit hab, habe ich da überhaupt noch lust mitzuspielen, will ich vielleicht weniger arbeiten, will ich vielleicht was anderes arbeiten? Habe ich vielleicht resourcen, weil ich nicht mehr so im mangel bin, mich vielleicht auch mal um meine mitmenschen zu sorgen. Und ich glaub das sind die mechanismen, die den kapitalismus in frage stellen lassen und zwar nicht zu nem anderen, neuen autoritären sozialismus zu kommen, sondern vielleicht zu ner ganz neuen freiheitlichen form des zusammenlebens. Die wir uns heute, weil uns die psychische basis dafür fehlt, vielleicht noch gar nicht vorstellen können. [...] Mitte des jahrhunderts werden die hälfte der heute bekannten jobs von maschinen erledigt werden. Was machen wir denn mit den anderen leuten? Selbst wenn diese zahlen übertrieben wären und es nur 20 % sind - sollen die alle von h4 leben? Und dem amt jeden monat berichten, wo sie sind und was sie machen und in sinnlosen maßnahmen ihre lebenszeit verbringen? Ich glaub, wir brauchen neue antworten für die zukunft und ich kenne keine bessere als das grundeinkommen. Und ich habe auch von der gewerkschaft keine besseren antworten bekommen.«
Es ist falsch, daß alle menschen einer erwerbsarbeit nachgehen müßten. Es gibt zwei sorten menschen. Die, die für ihren lebensunterhalt arbeiten müssen und die, die für ihren lebensunterhalt arbeiten lassen. Interessanterweise werden nur letztere mit ihrem erwerb reich.

Es stimmt, daß die leute, die arbeiten müssen, das mit immer höherem druck tun. Das sind nicht die folgen einer naturkatastrophe, sondern das ergebnis von inzwischen jahrhundertelangem technischen fortschritt, der innerhalb kapitalistischen logik nie dazu geführt hat, daß die arbeit weniger oder leichter geworden wäre. Es ist immer daraus hinausgelaufen, daß die einen mehr und härter arbeiten mußten und die anderen auf der straße gestanden haben.

Diese zukunftsprognosen, daß der menschheit die arbeit ausginge, gibt es vermutlich seit beginn der Industriellen Revolution. In den 70er und 80er jahren des vergangenen jahrhunderts wurde davon gesprochen, daß nach der jahrtausendwende niemand mehr »vollzeit« würde arbeiten müssen, weil die segnungen der technik menschliche arbeit überflüssig mache und somit die arbeitswoche für die menschen dann hauptsächlich aus wochenende bestünde. Leider ist es anders gekommen.

Richtig ist, daß das BGE den kapitalismus nicht abschaffen wird. Es würde die negativen auswirkungen auf die menschen eher noch verschärfen, weil alle, die derzeit arbeitslos sind, dadurch gezwungen wären sich irgendwie geld zu verdienen und ganz traurig würde es für die aussehen, die aus welchen gründen auch immer nicht arbeiten können. Das würde eben nicht zu mehr solidarität mit anderen, sondern zu mehr konkurrenz führen.

Aber man muß den kapitalismus auf biegen und brechen aufrecht erhalten, weil sozialismus immer als totalitäres system gedacht werden muß. Das ist schließlich naturgesetz. Gibt ja nichts anderes und deswegen muß der kapitalismus notfalls mit dem BGE gerettet werden.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Ein besseres leben für reiche

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Jetzt kommt endlich auch mal frau Hassel von der Böckler-Stiftung zu wort:
Zitat Anke Hassel: »Als privates projekt begeistert mich das durchaus. [...] Unsere gesellschaft hat an vielen stellen tatsächliche, soziale probleme. Probleme mit sozialer ungleichheit, aber auch probleme damit, daß gesellschaftliche bedürfnisse nicht gedeckt werden können. Man sieht es im pflegebereich, man sieht es im altenpflegebereich, man sieht es auch in schulen, in kindergärten, kinderbetreuung und so weiter. Diese gesellschaftlichen bedürfnisse zu decken, wäre mein wichtigstes anliegen. Wenn man ein solches modell von den privaten auf eine staatliche politik übertragen würde, wäre das die größte sozialreform der letzten hundert jahre, also die würde in den dimensionen den Bismarckschen versicherungsstaat quasi aushebeln. Es würden sehr große geldsummen dafür benötigt, also um ein grundeinkommen zahlen zu können, das jetzt nicht deutlich unterhalb der armutsgrenze ist. Und wenn man schon so viel geld einsammeln würde und man bereit ist, so viel geld auszugeben, dann hätte ich einfach andere prioritäten. Also ich würde damit die schulen sanieren, ich würde damit nachbarschaftszentren aufbauen, wo den menschen dann auch wirklich geholfen werden kann, wo behinderten geholfen werden kann, wo aber auch kindern beim lernen geholfen werden kann. Wir haben so viel integrationsbedarf in unserer gesellschaft. Und wenn man viel geld in die hand nimmt, dann würde ich es eher so ausgeben.«
Wer wollte schon etwas dagegen sagen, wenn leute sich zusammentun und geld einsammeln, welches dann an andere weiterverschenkt wird? Das ist ihre privatangelegenheit, wer daran teilnehmen möchte, kann das tun. Wer das blödsinnig findet, läßt es bleiben.

Würde das allerdings staatlich organisiert, wäre es sicher nicht das problem, daß sich ein paar lebenskünstler, die mit wenig auskommen können, auf kosten anderer womöglich auf die faule haut legen, sondern, daß menschen, die wirklich auf hilfe angewiesen sind, dann eben auch nur diese eine sozialleistung erhalten. Diese menschen haben dann kein recht mehr auf hilfe, sondern können dann bestenfalls auf den guten willen anderer hoffen.

Mit sicherheit wäre es vernünftiger, in soziale infrastruktur zu investieren, als jedem ein paar euro in die hand zu drücken, die ein teil der leute nicht unbedingt braucht, während für andere diese hilfe nicht zum überleben reicht. Wer beispielsweise zu krank ist, um auf sich aufmerksam zu machen, bekommt dann eben nichts.
Zitat Matthias Hanselmann: »Es gibt prominente befürworter des BGE aber auch prominente gegner. Wenn wir denken an Götz Werner, den chef der drogeriemarktkette DM, der selbst milliadär ist, oder Telekomchef Tim Höttges, früher finazchef der Telekom, das sind zwei sehr prominente menschen, die sind für das BGE. Finanziert durch den staat. Wie kommt das, daß da so eine spaltung besteht?«

Zitat Anke Hassel: »Genau. Sie sind für ein grundeinkommen, das sie nicht selber finanzieren würden. Sie würden ja nicht den weg von herrn Bohmeyer gehen und sagen: ich setze jetzt mein eigenes vermögen dafür ein, daß wir in Deutschland ein grundeinkommen einführen, sondern die sagen ja, der steuerzahler soll dafür zahlen, oder die allgemeinheit soll dafür zahlen. Ein grund, weshalb besonders gut verdienende oder Silikon-Valley-investoren sind ja oftmals für ein grundeinkommen, hat damit zu tun, daß sich sehr gut verdienende doch gedanken machen über die soziale spaltung in der gesellschaft. Aber auch aus dem grunde, daß sie nicht zur verantwortung dafür gezogen werden wollen. Und sie die idee haben, wenn wir ein grundeinkommen hätten, könnten wir die soziale frage oder der sozialen spaltung damit begegnen. Niemand könnte sie mehr dafür kritisieren, daß sie vielleicht arbeitsplätze vernichten, arbeitsplätze abbauen, nicht mehr so gute arbeitsplätze zur verfügung stellen.«
Mich wundert es schon lange nicht mehr, daß es so viele unternehmer gibt, die das grundeinkommen gut finden. Wenn es nach Götz Werner geht, wären die unternehmer auf einen schlag sämtliche steuern und sozialabgaben los: als einzige sozialleistung soll nur das BGE für alle gezahlt werden, das aus der einzigen steuer, die dann noch gezahlt werden muß, nämlich der umsatzsteuer, finanziert werden soll. Die umsatzsteuer wird bekanntermaßen nicht von unternehmen, sondern allein von den endverbrauchern auf den konsum bezahlt.

Das bedeutet, daß die leute, die sehr wenig geld haben und jeden monat ihr gesamtes geld verkonsumieren müssen, ohne freibetrag 100% ihres einkommens versteuern müssen, während jeder nicht verkonsumierte cent steuerfrei bleibt. Damit hätten milliadäre sozusagen einen riesigen steuerfreibetrag, weil sie immer nur einen winzigen bruchteil ihres einkommens in den konsum stecken müssen, während einnahmen aller art völlig steuerfrei bleiben. Vom lohn, den man auf diese art und weise einsparen kann, ganz zu schweigen.

Für das BGE zu sein ist für die ein extrem preisgünstiger weg, als sozialer menschenfreund zu gelten und gleichzeitig für radikalen sozialabbau und steuererleichterungen für reiche zu sein.
Zitat Matthias Hanselmann: »In vielen anderen ländern spielt das thema eine große rolle. In Kanada oder den Niederlanden gibt es modellversuche. In Finnland wird das grundeinkommen seit dem vergangenen jahr getestet. Da werden 2000 zufällig ausgewählte arbeitslose mit 560 € im monat bedacht und das ohne verpflichtungen und nach zwei jahren will man im Finnischen sozialministerium dann prüfen, ob sich dieses grundeinkommen dann lohnt und rechnet. Die Schweizer allerdings haben im vorvergangenen jahr sich gegen das grundeinkommen entschieden. [...] «

Zitat Anke Hassel: »Ich bin stärker für ein bedürfnisorientiertes system, weil ich glaube, daß die menschen unterschiedliche bedürfnisse haben, sie haben unterschiedliche gesundheitszustände, sie sind unterschiedlich leistungsfähig und wir müssen den menschen das geben, was sie an bedürfnissen haben und so eine rasenmähermethode zu sagen, wir geben denen, auch denen, die es nicht brauchen, tausend euro und auch denen, die vielleicht mehr als tausend euro brauchen, denen geben wir auch nur tausend, weil wir ja kein system hätten, da zu differenzieren, fände ich nicht gerecht und auch nicht gerechtfertigt. «
Bedürfnisorientiertes system? Das wäre ja der reinste kommunismus und das darf es nicht geben!

Deshalb sind die hörer auch dagegen und für ein grundeinkommen:
Zitat hörerin aus Leipzig: »Ich bin auch mit im verein Mein Grundeinkommen ich hab’ mich beteiligt sozusagen oder beteilige mich. Und ich finde es sehr gut. Ich finde aber der schritt der finanzierung, das ist der zweite schritt. Der erste schritt ist erstmal dieses komplette umdenken der ganzen sache. Das ist, was, glaube ich, vielen leuten angst macht. Ich denke, daß man viel mehr den demokratischen gedanken denken sollte [...] daß die gesellschaft sich als wirkliche gesellschaft begreifen muß und nicht jeder für sich einzeln denkt, der andere könnte mir was wegnehmen. Das ist nämlich das große problem in unserer gesellschaft. Und ich glaube, daß das wirklich ein mehrwert wäre. Weil der druck der herrscht, und ich rede jetzt nicht von menschen die ein gutes einkommen haben, sondern von der bäckereifachverkäuferin, der supermarktverkäuferin, von der kellnerin, die wirklich hart arbeiten und immer das gefühl haben, sie lieben irgendwie so an einer grenze, denen würde das glaube ich unglaublich helfen. Auch gesund zu bleiben in ihrem leben [...]. Wie viele menschen gibt es, die nur darauf gucken, ihr leben nach dem geld auszurichten. Ihrem status und so weiter. Wie ungesund ist das denn für ne gesellschaft? Warum sind denn viele menschen ungesund? Weil sie gestreßt sind und das nimmt ja auch total zu, weil sie nem druck unterliegen, der zwangläufig da ist - dieses ganze konkurrenzdenken. Was macht denn das mit menschen? [...] Ich glaube, daß das extrem viel potential der menschen freisetzen würde.«
Es ist eine merkwürdige idee, in einer geldbasierten kapitalistischen gesellschaft menschen ausgerechnet dafür zu kritisieren, daß sie ihr leben am geld ausrichten. Den leuten bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich zu bemühen, irgendwie geld zu verdienen. Denn sie sind genötigt, jeden mist kaufen zu müssen.

Es wäre tatsächlich notwendig, daß die anhänger des grundeinkommens komplett umdenken. Das BGE ist leider kein weg aus der konkurrenz, sondern der weg aus der solidargemeinschaft.

Wenn das BGE eingeführt würde, wäre leider nicht der druck von den menschen genommen. Der zwang zur konkurrenz auf dem arbeitsmarkt wäre keineswegs abgeschafft, im gegenteil. Durch die erhöhte mehrwertsteuer (daß ein konsumsteuerfinanziertes konzept eingeführt würde, ist am wahrscheinlichsten) wäre dann schon mal die hälfte der kaufkraft weg, somit müßte jeder zusehen, wie er sich irgendwie ein paar euro hinzuverdienen kann.
Zitat mail einer hörerin: »Ein bedingungsloses grundeinkommen ist unabwendbar, weil unser sozialsystem längst nicht mehr funktioniert. Das widerspricht der menschenwürde. Besonders das menschenverachtende h4system in dem arbeitslose diskriminiert und in prekäre jobs gedrängt werden.«
Das sozialsystem wurde durch die reformen »gerettet«, damit man es durch etwas »besseres«, wie z.B. dem BGE abschaffen kann. Mit dem BGE wird es insofern menschenfreundlicher, daß die leute nicht mehr in prekäre jobs gedrängt werden, sondern diese tollen stellen aus geldnot »freiwillig« annehmen. Damit wäre also mächtig was gewonnen.

Zum heutigen schluß noch eine etwas wirre idee:
Zitat mail von hörer aus Berlin: »Im gegensatz zum kommunismus, kapitalismus und zur sozialen marktwirtschaft entsteht mit dem BGE zum ersten mal eine gesellschaft, bei der die verteilungsfrage nicht allein an die wirtschaft gekoppelt wird. Ein BGE bedeutet letztlich mehr freiheit für die mehrheit der menschen.«
Woher das geld, das verteilt werden soll, dann kommt, wenn nicht aus der wirtschaft, erklärt der gute mensch leider nicht.

Es ist kein zufall, daß so viele unternehmer für das BGE sind. Die sind nicht plötzlichh antikapitalistisch geworden. Das BGE ist kein ausstieg aus dem kapitalismus.

Klar schafft das BGE mehr freiheit, fragt sich nur, wer dann frei wozu ist. Daß dabei ein angenehmeres leben für die mehrheit rauskäme, darf angezweifelt werden.

Freitag, 12. Mai 2017

Auch wieder kein recht auf faulheit

Fortsetzung

Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.

Zitat Matthias Hanselmann: »Das ist eins der großen vorurteile gegen das bedingungslose grundeinkommen: Es reizt zur faulheit und offenbar passiert das im konkreten fall nicht.«

Zitat Michael Bohmeyer: »Die haben lust sich weiterzubilden, die arbeiten genau so viel wie vorher aber sind nicht mehr so gestreßt. Der streß streßt uns nicht mehr so. Das ist die emotionale veränderung, die grundeinkommen zu bewirken scheint. Viele machen sich selbständig, ein langzeitarbeitsloser hat einen job gefunden, weil er auf einmal mit der fülle, im bewerbungsgespräch sitzt ein chronisch kanker. Konnte seine medikamente absetzen, weil er sich nicht mehr mit dem sozialamt streiten muß, also auch eine rein körperliche wirkung hat es da gegeben. [...] Die menschen blühen auf und sie sitzen in einer anderen haltung vor mir nach dem jahr und das ist, was die gesellschaft verändert. Das ist der neue ansatz von politik, der dahinter steckt.«
Wenn man montatlich tausend euro erhält, lohnt es sich wohl kaum, wegen »plötzlichen reichtums« die arbeit aufzugeben oder die suche nach einer bezahlten arbeit einzustellen. Damit langzeitarbeitslose weniger mit dem sozialamt rumstreiten müssen oder selbstsicherer ins bewerbungsgespräch gehen können benötigt man ganz bestimmt kein grundeinkommen, sondern eine weniger restriktive gesetzgebung und gut geschultes personal.

Es besteht überhaupt kein zweifel daran, daß menschen lust haben, sich weiterzubilden. Nur können sich die leute das überhaupt leisten, wenn es eben als einzige sozialleistung das BGE gibt? Wenn man an einem weiterbildungskurs teilnehmen will, der tatsächlich was bringt, ist man schnell bei kursgebühren von etlichen tausend euro. Ob man die dann so nebenher noch aufbringen kann, darf angezweifelt werden.

Weiteres folgt demnächst.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Mal wieder ein einkommen für alle

Wie dieses bildschirmfoto vermuten läßt, ist das BGE beim Deutschlandfunk beliebt. Unter »mehr zum thema« findet man hinweise, was man gegen allergien tun kann.
Letzens gab es im mal wieder eine dieser diskussionen um den angeblichen »kommunismus im kapitalismus«, dem bedingungslosen grundeinkommen. Ein streitgespäch mit frau Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, Michael Bohmeyer vom verein Mein Grundeinkommen e.V. () und hörerbeteiligung, moderiert von Matthias Hanselman vom Deutschlandfunk Kultur.
Zitat Matthias Hanselmann: »Herr Bohmeyer, sie sind ohne zweifel ein befürworter des grundeinkommens [...] Sie beziehen [ein grundeinkommen] und von wem beziehen sie es?«

Zitat Michael Bohmeyer: »Ich habe vor zehn jahren eine internetfirma gegründet und nach acht jahren der harten arbeit dort läuft die jetzt mittlerweile alleine - ich bin aber noch mitinhaber der firma und erhalte jeden monat zufälliger weise ungefähr 1000 € ausgezahlt von der firma, ohne daß ich dafür arbeiten muß. Und das ist schon die letzten zwei jahre so und diese tatsache, daß ich zwar deutlich weniger geld kriege, daß es aber bedingungslos ist, das hat mein leben und meine persönlichkeit radikal verändert. So daß ich auf den gedanken kam, das ist ja wahnsinn wie so ein grundeinkommen wirkt und seit dem will ich ausprobieren, ob es anderen genau so geht und versuche anderen auch so ein jahr grundeinkommen zu ermöglichen.«
Eine unwahrheit ist die behauptung, der herr Bohmeyer bezöge ein bedingungsloses grundeinkommen. Es ist nämlich keineswegs bedingungslos. Die vorbedingung, daß er jetzt ein leistungsunabhängiges einkommen erhält, ist nämlich, daß er miteigentümer einer internetbude ist. Das geld materialisiert sich nicht freundlicher weise einfach so auf seinem konto, sondern es wird von den leuten aus seiner firma erarbeitet.
Zitat Matthias Hanselmann: »Sie bekommen es nicht vom staat, sondern von ihrer eigenen firma. Was sind sie eigentlich von beruf?«

Zitat Michael Bohmeyer: »Ich bin so internet-start-up-mensch.«

Zitat Matthias Hanselmann: »Seit wann leben sie von diesen tausend euro?«

Zitat Michael Bohmeyer: »Seit, äh, 2014.«< Zitat Matthias Hanselmann: »Alles klar. Und jetzt haben Sie gesagt, das hat ihr leben verändert. Sind Sie ein anderer mensch geworden dadurch?«

Zitat Michael Bohmeyer: »Ja, das klingt so pathetisch, aber tatsächlich ja. Also bei mir hat sich dadurch, daß ich bedingungslos geld kriege und niemand nachfragt, was ich damit mache, habe ich erstmal gemerkt wie streß- und druckvoll mein arbeitsleben vorher war, wie ich die ganze zeit getrieben war. Zum ersten mal in meinem leben hat so eine innere ruhe eingesetzt. Das hat sich am anfang schecklich angefühlt, ich konnte gar nicht damit umgehen. Aber nach einer weile habe ich daraus so einen neuen selbstvertrauen geschöpft. Und kraft und weltinteresse und auf einmal habe ich bessere beziehungen geführt. Bin ein besserer vater geworden. Ich lebe gesünder mein kopf war voll ideen und ich hatte die kraft, was neues zu starten«

Zitat Matthias Hanselmann: »Das klingt, als sei das grundeinkommen ne art zaubermedizin oder zaubertrank oder sowas«

Zitat Michael Bohmeyer: »[...]für mich ist es das tatsächlich. Aber nicht aus den üblich bekannten gründen. Und das beleuchten wir in unserem projekt eben auch nicht, die arbeitsmarktpolitischen folgen so sehr und die steuerfinanzierungsmodelle, sondern was macht das mit unserem menschsein. Das ist ja neu in unserer gesellschaft, daß man etwas kriegt, ohne eine gegenleistung dafür bringen zu müssen. Und ich glaube das macht was mit der psyche. Das verändert, wie wir uns zueinander verhalten und das möchte ich erfahren, hab ich erfahren und möchte ich anderen ermöglichen auch zu erfahren.«

Zitat Zitat Matthias Hanselmann: »Sie müssen jetzt natürlich erzählen von Ihrem projekt. Sie sind ja nicht nur empfänger eines bedingungslosen grundeinkommens, sondern Sie verteilen es auch an andere. Erzählen Sie, wie das funktioniert.«

Zitat Michael Bohmeyer: »Aus meiner erfahrung heraus kam die idee, daß anderen auch zu ermöglichen und so habe ich ein crowdfunding gestartet - also über das internet eine geldsumme einsammeln, in dem fall 12.000 €. Und die idee war, wenn 12.000 € tatsächlich zusammenkommen, wählen wir zufällig eine person aus und die kriegt dann ein jahr lang eintausend euro monatlich bedingungsloses grundeinkommen.Und wir erzählen die geschichte, wie das das leben dieser person verändert. Das ganze wurde ein riesiger erfolg, nach wenigen wochen hatten wir vier grundeinkommen finanziert. Mittlerweile haben wir über eine million euro gesammelt, 85 grundeinkommen verschenkt. Wir haben 350.000 menschen, die auf unserer website mitglied sind. Es kommen jeden monat fünf grundeinkommen dazu, es arbeiten 20 menschen hier in Berlin hauptamtlich an dieser kampagne, die sich die frage stellt, was würde denn passieren, wenn wir ein grundeinkommen hätten? Wir wollen niemand überzeugen, wir wissen es ebent auch nicht ganz genau. Deswegen versuchen wir daten zu sammeln, indem wir es menschen schenken und damit ein bißchen vorankommen auf der Reise zum grundeinkommen [...] nach drei vier monaten wächst bei den leuten eine art, eine unbekannte art von eigenverantwortung, manchmal berichten sie, daß sie ruhiger schlafen. Von den 85 leuten haben übrigens erst drei ihren job gekündigt. Einer zum beipiel, hat im callcenter gearbeitet und macht jetzt ein studium zur pädagogik, aber auch die anderen beiden arbeiten weiter, also das ist nicht, daß dann alle faul werden, was man immer denkt«
Sicher ist es eine tolle sache, wenn man einfach so aus dem normalen, beruflichen alltag aussteigen kann. Und sicherlich ist es auch ein netter zug, anderen menschen das auch ermöglichen zu wollen. Eine lösung für soziale probleme bietet es jedoch wohl eher nicht, ein bißchen geld einzusammeln und es dann per losentscheid zu verschenken. Die leute, die an diesem »lotteriespiel« teilnehmen, versprechen sich davon irgendwas. Geld kann in dieser gesellschaft schließlich jeder brauchen. Aus sicht eines langzeitarbeitslosen, der vom regelsatz leben muß, klingt es sicherlich erst mal toll, ganze tausend euro im monat zu erhalten. Aber ausgerechnet für diese leute lohnt sich das nicht wirklich: von dem schönen geld müssen sie sich nämlich selbst krankenversichern, da sind dann schon mal mindestens 140 € weg. Und wenn dann noch die miete abgezogen ist, kommt auch wieder nur ungefähr der tolle regelsatz raus, der ohnehin nicht zu großen plänen verlockt, sondern nur ein vegetieren ermöglicht.

Das gespräch ist an dieser stelle natürlich noch längst nicht zu ende. Ich habe jetzt grad nur keine lust mehr, den blödsinn weiter mitzuschreiben. Es geht bald weiter.

Sonntag, 7. Mai 2017

Unsterbliches pech

Es liest sich wie eine schlagzeile aus dem »Postillion«: »Mann stirbt bei Unsterblichkeitsbeweis«. Ist es aber nicht. Es handelt sich um einen artikel des Humanistischen Pressedienstes. Und im grunde ist es eher nicht zum lachen.

Ein 25jähriger mann, der als hellseherisches medium betrachtet wurde, führte in Thailand einen traditionellen tanz zu ehren seiner vorfahren auf. Um seine unsterblichkeit zu beweisen, setzte er sich ein schwert auf die brust, welches aber nicht wie bei den vorhergehenden malen abbrach, sondern ihn tötete.

Wer wird schon beweisen, ob die geister schlechte laune hatten, jemand das präpariete schwert durch ein richtiges vertauscht hatte oder es einfach »künstlerpech« war.

Offensichtlich ist jedoch, daß der glaube an unsterblichkeit nicht übermäßig schlau ist.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Satire darf nur ausländer beleidigen!

Bei satire hört bei der AfD der spaß auf. Zumindest, wenn sie sich nicht gegen Erdogan, sondern die AfD richtet. Das war im vergangenen jahr so und ist in diesem jahr natürlich immernoch so.



Alice Weidel: »Denn die politische korrektheit gehört auf den MÜLLhaufen der geschichte!«

Christian Ehring: »Jawoll! Schluß mit der politischen korrektheit. Laßt uns alle unkorrekt sein. Da hat die Nazi-schlampe doch recht! War das unkorrekt genug? Ich hoffe.«

Dagegen will die AfD nun rechtlich vorgehen. Das sollte sie wirklich tun, damit alle etwas zum lachen haben.

Dienstag, 2. Mai 2017

Zu blöd zum wählen

Sicherlich gibt es ausreichend gründe, die bürgerliche demokratie für keine übermäßig schlaue einrichtung zu halten. Einen davon hat der US-politologe Jason Brennan anfang April in einem interview mit dem Deutschlandfunk Kultur genannt: »Wähler wissen einfach oft nicht, was wirklich gut für sie ist und ob ihre Wählerstimme wirklich ihren eigenen Interessen dient.« Den Trump-wählern sei überdies noch gar nicht bewußt, daß sie sich mit dieser wahl in die eigenen füße geschossen hätten.

Er kategorisiert die menschen in »hobbits«, die sich nicht groß für politik interessieren, solange sie ihr zweites frühstück bekommen, »hooligans«, die zwar einigermaßen informiert aber fanatisiert sind und immer nur die vorteile des eigenen teams wollen und »vulkanier«, die über besseres wissen verfügen. Das zeugt von einem tollen menschenbild, wenn leute als desinteressierte fabelwesen, fußball-haudraufe oder emotionslose außerirdische eingestuft werden. Nach Jason Brennans ansicht sollte durch einen »gewissen test« überprüft werden, welches wissen die leute haben und die wählerstimme dementsprechend gewichtet werden.

Bestechende idee: keine macht den doofen! Zum glück können durch so einen »gewissen test« die wahlen auch gar nicht in eine gewisse richtung gelenkt werden.