Mittwoch, 28. November 2012

»Sinkende reallöhne« als »verbesserung«, tatsächlich

Nun ist es schon mehr als einen monat her, daß der ehemalige bundeskrankheitsminister kundtat, der neue armutsbericht entspreche nicht der meinung der bundesregierung.

Da hatte ich nahezu das gefühl, es mit einem zu tun zu haben, der noch nicht recht in seinen kommunionsanzug hineingewachsen ist und dem man fast einen lolli schenken müßte, damit er mit der harten realität, in der es überhaupt nicht um meinung, sondern um wirtschaftliche gegebenheiten geht, klarkommt.

Damit es für ihn besser aussieht, wurde der armutsbericht umformuliert. So wurden aus »sinkenden reallöhnen« »strukturelle verbesserungen«.

Ein aufschrei ging durch die presse. Geschönt sei dies.

Ich hingegen war erstaunt über die ehrlichkeit mit der das mitgeteilt wird. Hier kann einem so richtig klar werden, für wen das bundeswirtschaftsministerium da ist: Es kommt doch auf die sichtweise an: für die großunternehmer sind die sinkenden reallöhne tatsächlich »struktuelle verbesserungen« - und an der stelle sollte man begreifen für wen die regierung und diese gesamte staatsveranstaltung da ist, nämlich nicht für die vielen menschen, die hier mit oder ohne arbeit ständig ums überleben kämpfen müssen.

Nie gedacht, daß ich das mal schreiben würde: Rösler hat recht.

Dienstag, 27. November 2012

Niedriglohn auf gutschein


Der SchröderIn ist offenbar aufgefallen, daß sie beim betreuungsgeld zu wenig an sich selbst und zu viel an andere gedacht hat.

Schließlich werden hierbei ministerInnen mit babys oder kleinkindern, die im amt statt zu hause bleiben, überhaupt nicht mit finanziellen vorteilen bedacht. Also muß ein gutschein her, mit dem haushaltshilfen 15 stunden à 6 € bezahlt werden sollen. Obendrein auch noch geizig!

Die staatliche subvention solcher stellen liefe übrigens auch noch auf ganz anderer schiene: selbst wenn eine fleißige haushaltshilfe acht oder zehn so bezahlter und staatlich geförderter stellen hätte, also vollzeit beschäftigt wäre, käme sie aus dem h4-bezug nicht raus.

Nur eine weitere idee, wie man die wohlhabende bevölkerungsschicht auf kosten der allgemeinheit fördern kann. Da wundert es glatt, daß die FDP dagegen ist!

Sonntag, 25. November 2012

Eine schöne tageszeitung lesen

Lange zeit war es für mich ein unvorstellbarer luxus, morgens am frühstückstisch zu sitzen, einen milchkaffee zu trinken und ein gedrucktes exemplar einer guten zeitung zu lesen. Am gleichen frühstückstisch menschen, die sich genau so interessiert wie ich über die zeitung hermachen, beim zweitkaffee hatten die unterschiedlichen zeitungsteile die runde gemacht - und man fängt an, darüber zu reden.

Heute kann man ein onlineabo einer tageszeitung leicht mit menschen in aller welt teilen. Für mich ist die Junge Welt eine unverzichtbare morgenlektüre, die ich morgens am kaffeetisch im e-bookreader lese. Wahrscheinlich renne ich bei den lesern meines blogs offene türen ein: Sicher kennt und lest Ihr alle die »Junge Welt« und ich muß nichts erklären.

Abonniert oder spendet für die einzige tageszeitung, die etwas anderes schreibt als die konzerngesteuerte presse!

Freitag, 23. November 2012

»Deutschland geht es gut, den Menschen geht es schlecht.«

Das beinahe richtige zitat. Tatsächlich hat der »kriminelle vietnamese«, auch bekannt unter dem decknamen »bundeswirtschaftsminister«, gesagt »Deutschland geht es gut. Den menschen geht es gut.«

Da wirft sich mir eine frage auf: Sind für den die zwanzig bis fünfundzwanzig prozent der bevölkerung, die arbeitslos sind oder in niedriglohnverhältnissen schuften müssen, schlicht und ergreifend keine menschen?

Meine subjektive wahrnehmung der lebensverhältnisse in den letzten jahren ist jedoch, daß in der zeit seit der bundestagswahl 2009 sich auch lebensqualität der »normalabeitnehmer« verschlechtert hat. Wer »normal« oder vielleicht sogar »gut« verdient, wird erheblich stärker unter druck gesetzt, um die stelle zu behalten.

Arbeitnehmerrechte gelten nicht viel und werden umgangen. Die leute können sich ohnehin nicht weigern, zumutungen hinzunehmen, wenn sie in der globalen konkurrenz ihre derzeit noch bezahlten stellen behalten wollen.

Schland geht es gut, die menschen sind egal.

Donnerstag, 22. November 2012

»Lieber sozialabbau statt sanktionen«

In der sendung 2254 auf dradio kultur war gestern die hörermeinung zum thema »Jobcenter kürzen Leistungen säumiger Hartz-IV-Empfänger wie nie zuvor - haben Sie Verständnis für die Sanktionen?« (link führt zur sendung zum nachhören) gefragt.

Nur sehr wenige der anrufer befürworteten sanktionen oder forderten schärfere kontrollen. Stattdessen forderten gleich mehrere anrufer das bedingungslose grundeinkommen und wiesen auf das nicht-mehr-essen eines Berliners hin - ein hungerstreik soll es laut eigenen angaben nicht sein - der seit anfang november wegen sanktionen keine feste nahrung mehr zu sich nimmt.

Stattdessen lieber von vorn herein mittels BGE sanktioniert sein zu wollen ist eine komische forderung.

Die leute beklagen sich, daß man trotz »vollzeitbeschäftigung« während des h4bezugs vom jobcenter nicht in ruhe gelassen wird. Das jobcenter hat überhaupt keinen moralischen anspruch auf sinnvolle freizeitgestaltung von arbeitslosen. Ein arbeitsloser hat für die exakt eine aufgabe: der hat zuzusehen, daß er seine zeit und seine arbeitskraft irgendwie verkaufen kann. Und daran ändert ein BGE nichts, weil es nichts grundlegendes am zwang, sich geld zu verschaffen und zwar besser mehr davon, ändert.

Das BGE löst den zwang zur lohnarbeit nicht auf. Es würde nur die präferenzen ändern. Vom schlechten zum beschissenen.

Mittwoch, 21. November 2012

Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück

Nach einer idee des graphikers Heinrich Zille entstand 1929 der proletarische stummfilm »Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück«


Der film erzählt die geschichte der alten mutter Krause und ihren kindern, die im Berliner elendsbezirk Wedding in sehr beengten verhältnissen leben. Der film wurde an Weddinger originalschauplätzen und bis auf die hauptdarsteller mit den einwohnern des bezirks gedreht, für die das leben in den 20er jahren alles andere als »golden« war.

Etwas schade ist, daß die restaurierte fassung des films nicht mit der originalmusik von Paul Dessau gezeigt wird, sondern mit einer neuen musik von Michael Gross, nicht daß ich diese musik schlecht fände, mich hätte aber das original interessiert.

Wunderbare wirtschaftsfreiheit

Der bundesprediger hat beim Führungstreffen Wirtschaft 2012 eine rede gehalten in der er mehr als ein dutzend mal das wort »freiheit« benutzt hat.

Wie zu erwarten, wenn ein ex-pastor über wirtschaft spricht, besteht diese rede hauptsächlich aus schäbigen irrtümern, beispielsweise, daß es eine globale konkurrenz ohne verlierer geben könnte oder es in Europa so etwas wie ein »miteinander« gäbe.

Als ob die EUstaaten nicht in konkurrenz gegeneinander stünden und europäische nichtEUstaaten wie Rußland nicht sogar feindselig betrachtet würden. 

Später im text kommt er dann gar zum ganz großen »wir«: auch »Bangladesch, Budapest« gehörten in die große gemeinschaft der weltwirtschaft.

Sicher, mit den ausgebeuteten arbeitern in Bangladesch und an jedem anderen ort auf der welt verbindet die hiesigen doppelt freien lohnarbeiter das gemeinsame interesse, ein möglichst gutes leben zu führen. Und das wird unmöglich gemacht, indem die jeweiligen obrigkeiten, zu denen herr Gauck selbst auch zählt, ihre staatsangehörigen gegeneinander in konkurrenz zwingen, bedingt durch die tolle erfindung die man »markt« nennt.

Fast amüsant mutet es an, daß nach gauckscher theorie an dem elend die »gier« nach der jeans für zehn euro schuld sein soll. Die 1€jobber sind schon recht unverschämt. Aus purem geiz gehen die nicht im edlen zwirn in den park zum laubharken und hundescheißeaufsammeln!

Eine jeans vom billigheimer würde der eitle geck niemals tragen, daß der preis eines produktes jedoch nicht unbedingt auf die lebensqualität der menschen, die es hergestellt oder in den handel gebracht haben, schließen läßt, ist für den herrn pastor dann schon wieder zu weit gedacht.

Wie soll pastor Gauck es auch wissen, wie die arbeitsbedingungen in der von ihm so hochgelobten freien wirtschaft aussehen?

Der mann hat rund 73 jahre an lebenserfahrung. Nicht einen einzigen tag in dieser zeit durfte er als lohnabhängiger in der »freien wirtschaft« arbeiten.

Da hat er eindeutig was verpaßt.

Dienstag, 20. November 2012

Holzweg BGE

In seinem artikel »Konstruktionsfehler des Grundeinkommens« schreibt heute Jens Berger in den nachdenkseiten über die nichtfinanzierbarkeit des BGE.

Das ist das schwächste argument, das gegen das grundeinkommen spricht. Ich traue es menschenfreunden wie Thomas Straubhaar oder Götz Werner durchaus zu, daß sie in der lage sind auszurechnen, wie der ganze quark finanziert werden könnte. Die kommen dann auf die gute idee, daß man den leuten dann eben nicht 1000 € grundeinkommen zahlt, sondern einen betrag, der irgendwo zwischen 625 und 660 € liegen soll.

Simple logik: je niedriger das grundeinkommen liegt, desto bezahlbarer wird es. Es ist müßig, da hinterher zu rechnen. Leben könnte davon ohnehin niemand, so müßte man auch nicht mehr vom jobcenter unter androhung von sanktionen zu mistjobs gezwungen werden, man wäre schon von selbst sanktioniert, wenn man es nicht geschafft hat, sich selbst zu zwingen, ein paar euros zu verdienen.

Dem schluß des artikels kann ich zustimmen, den h4empfängern ware durch eine regelsatzerhöhung und die streichung der sanktionen erheblich mehr geholfen.

Montag, 19. November 2012

Strugatzki

Am montag verstarb der schriftsteller Boris Strugazki im 80. lebensjahr. Gemeinsam mit seinem bruder Arkadi gehörte er zu den berühmtesten autoren der sowjetischen phantastik.

Foto am montag (29)

Preußischer herbst II
Diesmal eine kleine bilderserie mit zug- und herbstvögeln. Das foto oben zeigt ziehende graugänse (anser anser).

Kiebitze (vanellus vanellus).

Ein grüppchen tafelenten (aythya ferina).

Ein suchbild: zwische den enten- und gänsevögeln findet sich ein mindestens ein dutzend kiebitze.

Ein kormoran (phalacrocorax carbo).

Sonntag, 18. November 2012

Wir sind bloed

Seit anfang november läuft in Berlin eine aktion, die mich an eine szene aus dem film »Das Leben des Brian« erinnert: der »held« der geschichte wird ans kreuz geschlagen. Ob ihn nun tiefe ungerechtigkeit oder simpel die eigene dummheit dorthin gebracht hat, tut eher nichts zur sache.

Beschämend ist, daß seine bewunderer nichts dafür tun, sein leben zu retten, sondern bloß davon reden, wie toll sie es finden, daß er sich aufopfert. Sogar ein selbstmordkommando kommt und bringt sich aus solidarität am fuße seines kreuzes um. 

Im film wirkt das absurd. Aber offensichtlich ist nichts grotesk genug, als daß es das nicht im richtigen leben geben könnte. In Berlin hat sich einer mutwillig in die situation gebracht, vom jobcenter nahezu komplett sanktioniert zu werden. Solidaritätsheischend möchte ein verein, daß man fleißig mithungert.

Als ob dadurch irgendein problem gelöst werden könnte. Die regierung hat sich noch nie durch ein paar tote erpressen lassen.

In diesem staat ist es völlig normal, daß menschen verhungern oder erfrieren, da erscheint es bescheuert, ausgerechnet von diesem staat zu verlangen, er möge es so einrichten, daß man hier vernünftig leben kann. Ein derartiges vertrauen darf man in diesen staat nicht haben.

Über das grundeinkommen und dessen risiken und nebenwirkungen habe ich mich hier und hier ausgelassen, nach wie vor empfehle ich zu diesem thema den vortrag von Wolfgang Rössler.

Für so etwas in hungerstreik zu treten ist keine gute idee. Natürlich ist es abzulehnen, die wohltätigkeitsmülldeponie »tafel« aufzusuchen. Stattdessen jedoch eine anders organisierte armutsbetreuung zu fordern, die dann »grundeinkommen« genannt werden soll, ist die totalverweigerung, sich mit den zwangsläufigen problemen auseinanderzusetzen, die unser wirtschaftssystem mit sich bringt.

Dienstag, 13. November 2012

»Ich hoffe, daß in Zukunft weniger Bahnsteigkarten gekauft werden…«


In der Jungen Welt vom heutigen tag findet sich ein interview mit Oskar Lafontaine.

Die Franzosen haben es sich anno 1789 mit der revolution wirklich leicht gemacht: Die haben nicht auf die erfindung der eisenbahn gewartet und haben so das bahnsteigkartenproblem schlau umgangen.

Montag, 12. November 2012

Foto am montag (28)

Erfreulich häufig kann man inzwischen wieder graureiher (ardea cinerea) beobachten. In Berlin begegnet man ihm sogar mitten in der stadt und es ist fast banal, einen graureiher zu sehen.

Hübsch anzuschauen ist er aber allemal.

Dienstag, 6. November 2012

Bahnsteigkarte

An sich ist Sahra Wagenknecht eine der sympathischeren deutschen politikerinnen. Sie sieht gut aus, ist intelligent und nun sowas. Sie fordert ein politisches streikrecht. Das ist komisch.

Nicht, daß ich etwas gegen politischen streik hätte, aber es hat etwas eigenartiges, die selbe obrigkeit, die einem es verunmöglicht, ein vernünftiges leben zu führen, um erlaubnis zu fragen, sich gegen die zumutungen, mit denen man tagtäglich konfrontiert ist, wehren zu dürfen.

Das, was der mensch im arbeits- oder arbeitslosenleben ständig als »normal« ertragen muß, würde man im »normalen« leben schlicht als erpressung bezeichnen.

So mußte ich an Lenin denken und hatte eine idee, meinen rechtstreuen landsleuten das leben etwas einfacher zu machen:

Bahnsteigkarte
Bitte ausdrucken, ausschneiden, ins portemonnaie stecken, immer mitführen und bei bedarf vorzeigen. Darf kostenlos weiterverteilt werden.

Donnerstag, 1. November 2012

rummelrommel


Heute abend gibts in der ARD einen film zu sehen, den ich mir nicht anschauen werde. Schon allein, weil ich sowieso nicht fernsehn schaue.

Interessant ist, daß um diesen film schon länger ein medienrummel betrieben wird. Und - wie mir soeben ein freund mitteilte, liegt die DVD schon vor der erstausstrahlung verkaufsbereit in den läden.

Bitte laßt es einen flop werden! Lest lieber ein interessantes fachblatt!

November

Der wilden Affenscheiße ganze Fülle
Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten.
Der Mond ist dumm. Und auf den Straßen schreiten
Die Regenschirme. Daß man warm sich hülle

In starke Unterhosen schon beizeiten.
Nur Bethge* haust noch auf dem Dichter-Mülle
Man nehme sein Geschmier. Zum Arschwisch knülle
man das Papier zum dienst der Hinterseiten.

Die Martinsgans glänzt in der braunen Pelle
Stefan george steht in herbstes-staat.
an Seiner nase glänzt der perlen helle.

Ein gelbes Rotztuch blinkt. Ein Auto naht.
Drin sitzt mit Adlerblick die höchste Stelle.
Fanfare tutet: Sellerie Salat!

* oder Benzmann oder Hesse – nach Belieben!


Georg Heym