Freitag, 30. Januar 2015

Benennt den Hohenzollerndamm um!

An sich wäre es mir am liebsten, wenn die u-bahn-station »Otto-Grotewohl-Straße«, einstmals »Thälmannplatz«, nach dem 3. oktober 1991 einfach weiterhin »Otto-Grotewohl-Straße« geheißen hätte.

Die Mohrenstraße selbst, deren umbenennung in Nelson-Mandela-Straße der verein »Berlin Postkolonial« fordert, hieß auch zu DDR-zeiten so, was nicht nur aus der Wikipedia, sondern auch aus meinem alten stadtplan hervorgeht. Der begriff »mohr« geht nicht, wie es volkstümlich gelegentlich hergeleitet wird, auf das »moor« und dessen farbe zurück, was dann von manchen als »schmutzig« interpretiert wird, sondern ist von lateinisch »maurus« abgeleitet. Und das bedeutet laut Stowasser nichts anderes als »afrikanisch«.

Sprache wandelt sich mit der zeit und begriffe können sich von etwas neutralen oder positiven in etwas negatives wandeln. Mir fällt dazu der begriff »kanaka« aus der polinesischen sprache ein, der eigentlich »mensch« bedeutet, von seefahrern im 19. jahrhundert positiv für menschen unterschiedlicher herkunft verwendet wurde und seit ende des 20. jahrhunderts bis heute als universal-schimpfwort gegen alles was »südländisch« aussieht verwendet wird.

Allerdings ist der begriff »mohr« dermaßen veraltet und ungebräuchlich, daß es mir nicht geläufig ist, daß er zum beleidigen benützt würde. Da sind andere wörter gebräuchlicher.

Mir ist eine redensart in erinnerung, daß leute, die eine arbeit aufgehalst bekamen, die sie nicht verrichten wollten, sagten »ich bin hier wieder der neger«. Damit haben sie, vermutlich ohne sich darüber bewußt zu sein, dieses wort vom rassenbegriff zum klassenbegriff gemacht, indem nicht nach aussehen oder herkunft, sondern nach art der tätigkeit sortiert wird: der »neger« ist in dem fall der mensch, der nicht gefragt wird, sondern bei dem es klar ist daß er arbeiten muß und die arbeit auch nicht anerkannt wird.

Im ausgehenden 17./anfang des 18. jahrhunderts als die Mohrenstraße ihren namen bekam, wurde in Brandenburg-Preußen absolutistisch geherrscht. Das gemeine volk gehörte den grundbesitzern. Im »zivilisierten Europa« war es für die herrschende klasse nichts ungewöhnliches, daß menschen ihr eigentum waren, die nach belieben gekauft, verkauft oder verschenkt werden konnten, die herkunft oder das ausehen dieser leute war denen vermutlich herzlich egal.

Natürlich soll es in Berlin eine straße geben, die nach Nelson Mandela benannt ist. Allerdings sollte man nicht die Mohrenstraße umbenennen, sondern den Hohenzollerndamm. Das war die herrschaft, in deren namen fremde völker und auch das eigene unterdrückt wurden. In deren namen wurde im vergangenen jahrhundert erst in Afrika und dann in Europa krieg geführt.

Es wäre zumindest ein symbol, eine große straße, die an die herrschaft der Hohenzollern erinnert, nach Nelson Mandela zu benennen, einem schwarzen freiheitskämpfer, der auch für die versöhnung von schwarz und weiß stand.

Montag, 26. Januar 2015

Foto am montag (143)

Rosaflamingos (phoenicopterus roseus)


Didi und die Mohrenstraße

Jetzt ist schon wieder ein skandal passiert.

Die BVG hat mal wieder eine pr-kampagne gestartet. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, sagen »promis« auf der U2 nun die bahnstationen an - und ausgerechnet der komiker Dieter Hallervorden die Mohrenstraße.

Dies findet der verein Berlin Postkolonial gar nicht in ordnung. Denn schließlich war Hallervorden bereits vor einigen jahren in rassismusverdacht geraten, weil er in seinem Schloßpark Theater im Broadway-stück »Ich bin nicht Rappaport« die rolle des schwarzen Midge mit einem weißen schauspieler besetzt hatte.

Hallervorden sagte über die ansage zur Mohrenstraße, daß er den text gern neu einsprechen würde, wenn die straße dann umbenannt werden würde. Berlin Postkolonial kritisierte hieran, daß er sich hätte dafür einsetzen müssen.

Diese auffassung teile ich nicht. Ganz im gegenteil.

Die spuren Afrikanischer sklaven in Deutschland sollte man keinesfalls verwischen, sondern explizit auf die imperialistische vergangenheit dieses staates hinweisen. Laut Luise Berlin ist die straße nach den menschen benannt, die im frühen 18. jahrhundert von der Niederländischen herrschaft aus ihrer heimat verschleppt und an Friedrich Wilhelm I verschenkt wurden.

Wer möchte, daß die verschleppung Afrikanischer menschen nach Deutschland in erinnerung bleibt, sollte sorge dafür tragen, daß die spuren dieser menschen nicht weiter verwischt werden. Ohne den straßennamen hätte ich womöglich nie erfahren, daß es derartiges gab.

Ich wollte wissen, warum die straße so heißt.

Um noch einmal auf das theater zurück zu kommen: einst sah ich eines der Grimmschen mächen. Der prinz wurde von einem Schwarzafrikaner dargestellt. Ich hab das richtig klasse gefunden, daß der prinz mal nicht klischeemäßig aussah, sondern völlig anders. Ich hab mich darüber sehr gefreut.

Rassismus beendet man nicht, indem man menschen verbietet, im theater bestimmte rollen zu spielen. Oder bestimmte wörter zu verwenden.

Leute, die diskriminieren wollen, finden schnell neue begriffe.

Mir ist nicht bekannt, daß der herr Hallervorden das täte.

Samstag, 24. Januar 2015

Mit Gott und dem Führer

Weil in der letzten zeit viel über die »kultur des abendlandes« gesprochen wurde, empfehle ich, sich mit den, ach, so menschenfreundlichen christilichen wurzeln »unserer« kultur zu befassen. Man könnte einmal in Karlheinz Deschners »Kriminalgeschichte des Christentums« schmökern.

Oder in »Mit Gott und dem Füherer« vom selben autor, welches sogar kostenlos heruntergelanden werden kann.

Offensichtlich sind greueltaten der abendländischen kultur alles andere als fremd. Und da soll man sich noch fürchten vor einwanderern aus dem morgenland, weil deren religion barbarisch sei?

Vielleicht wissen sie im »tal der ahnungslosen« schlicht zu wenig über die tolle abendländische religion, die sie verteidigen wollen, die einen in puncto grausamkeit durchaus das gruseln lehrt.

Montag, 19. Januar 2015

Foto am montag (142)

Mal was völlig anderes: der sternenhimmel über Berlin.

Eigentlich wollte ich den kometen mit dem schönen namen »Lovejoy c/2014 q2« sehen, auch wenn mir von anfang an klar war, daß das hier ein sinnloses unterfangen ist, weil es viel zu hell ist.

Wer sich in dunklerer gegend befindet, hat vielleicht mehr glück, sofern es in den kommenden nächten sternenklar ist.

Am 20. januar ist neumond, sehr gute gelegenheit, nach oben zu schauen. Der komet befindet sich in den kommenden tagen westlich der Plejarden, die auf dem foto sehr gut erkennbar sind und die ich auch mit dem bloßen auge gut sehen konnte.

Ich habe sehr gefroren und in den himmel geguckt. Nur den kometen habe ich auch mit sehr viel phantasie nicht gesehen.

Freitag, 16. Januar 2015

Je suis Raif

Da stand sie nun, die Deutsche kanzlerin im kleinen schwarzen auf der straße in Paris, um für die »meinungsfreiheit« zu demonstrieren.

Gleichzeitig sitzt in Saudiland ein mann in haft, der jeden freitag, so auch heute, 50 peitschenhiebe ertragen muß. Er hat nichts verbrochen, sondern nur geschrieben, daß muslime, christen und atheisten gleichwertig wären.

Mir ist nicht bekannt, daß die Deutsche regierung nun saktionen gegen den Saudischen staat in erwägung ziehen würde, um damit ein zeichen für die meinungsfreiheit zu setzen. Die waffenexporte laufen weiter. Und Raif Badawi bleibt in haft.

Bitte unterstützt amnesty in dieser sache und erzählt es weiter.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Lügenpresse

Es ist überflüssig begriffe wie »lügenpresse« zum unwort des jahres zu machen, weil der begriff auch von den nazis verwendet worden sei. Im vokabular des »führers« befanden sich auch begriffe wie »kalbskopf«, »bürgertum« oder »nation«. Macht man sich mit nazis gemein, wenn man diese begriffe verwendet?

Es stimmt doch, daß die leitmedien zu vielen themen unausgewogen berichten, auch wenn medienkritische menschen gut daran täten, solchen totschlagbegriffen aus dem weg zu gehen.

Seltsam ist allerdings, was die medienmüden dann als »alternativen« entdecken: RTdeutsch, Kopp-online oder KenFM und dergleichen. Offenbar scheint vielen »frei erfunden« leichter erträglich zu sein als »unausgewogen« oder »gelogen«. Das mag verstehen wer will, ich nicht.

Sonntag, 11. Januar 2015

1.000 peitschenhiebe und 10 jahre haft

Leider ist das »christliche abendland« nicht so zivilisiert, wie man es manchmal gern sehen würde. Man muß dafür nicht weit in der geschichte zurückgehen, wie etwa bis zu den hexenprozessen, die es bis ins späte 18. jahrhundert gab.

Und man muß auch nicht nicht in die USA schauen, wo bis heute in gefängnissen gefoltert wird und bis heute die todesstrafe gilt. Auch in Deutschland passieren ausreichend unerfreuliche dinge. Ich erinnere daran, daß am 7. januar 2005 Oury Jalloh unter bis heute ungeklärten umständen am ums leben kam. Wahrscheinlich, weil er nicht bloß zur falschen zeit am falschen ort war, sondern auch die »falsche« hautfarbe hatte.

Bei manchen nachrichten verschlägt es einem aber dennoch den atem: der blogger Raif Badawi hat nichts verbrochen, nicht einmal karrikaturen hat er gezeichnet. Er hat nur geäußert, daß Muslime, Christen und Atheisten gleichwertige menschen sind.

Das ist kein verbrechen, sondern ein relativ vernünftiger blick auf die welt. Allerdings lebt Raif in Saudiland. Und dort mögen sie vernünftige gedanken nicht, weil sie religiöse bevorzugen. Deshalb sitzt Raif Badawi seit juni 2012 im gefängnis. Zusätzlich zu zehn jahren haft wurde er im vergangenen jahr zu 1.000 peitschenhieben verurteilt, die er seit letzem freitag abbüßen muß. Zwanzig wochen lang je 50 nach dem freitagsgebet.

Während der anschlag in Frankreich in den Deutschen medien omnipräsent ist, muß man nach diesem fall im öffentlich-rechtlichen suchen. Allein die Deutsche Welle hat aktuell über den Saudischen liberalen berichtet, der die staatsreligion kritisch betrachtet.

Leider geht das nach dem anschlag in Paris unter. Bitte unterstützt amnesty in dieser sache und erzählt es weiter.

Samstag, 10. Januar 2015

Eurogida statt pegida!

Wenn ich den begriff »pegida« höre, kann ich mir oft ein grinsen kaum verkneifen. Ich frage mich, ob sich die »pegida«-figuren mal gedanken über ihren »markennamen« gemacht haben.

Wie das leben so spielt, gibt es eine Berliner einzelhandelskette, die »Eurogida« heißt und die handelt vornehmlich mit Türkischen lebensmitteln.

»Gida« ist ein begriff aus dem Türkischen und bedeutet so viel wie »essen« oder »beköstigung«, man könnte den namen »Eurogida« also frei mit »euro-lebensmittel« übersetzen. Ist »pegida« sozusagen als »freudscher verspecher« entstanden, weil diese ausländerhasser sich im tiefsten innern eigentlich nach Türkischer nahrung sehnen?

Wofür auch immer dann das »pe« stehen soll. Vielleicht für peinlich-extraterrestrisch, bei denen kann man nie wissen. Wahrscheinlich sind viele Türken besser in die gesellschaft integriert als beispielsweise Sachsen. Auf der internetseite von Eurogida bekommt man auch rezepte für weihnachtsgans oder saltimbocca, obwohl man meinen sollte, daß Türken weder weihnachten feiern noch parmaschinken essen.

Aber manchmal ist auch was egal, nur eben an der Deutschen spießbürgerfront nicht.

Lieber Eurogida - leckere lebensmittel für alle!

Freitag, 9. Januar 2015

125 jahre Kurt Tucholsky

Peter Panter · Theobald Tiger · Ignatz Wrobel · Kaspar Hauser


haßt liebt
das Militär Knut Hamsun
die Vereinsmeierei jeden tapferen Friedenssoldaten
Rosenkohl schön gespitzte Bleistifte
den Mann, der immer in der Kampf
Bahn die Zeitung mitliest die Haarfarbe der Frau, die
Lärm und Geräusch er gerade liebt
»Deutschland« Deutschland

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Was darf die Satire? Alles.







Ich habe gehört, daß die nächste ausgabe von »Charlie Hebdo« am mittwoch, dem 14. januar erscheint.


Donnerstag, 8. Januar 2015

Charlie Hebdo-Massaker: Stellungnahme der Französischen Kommunistischen Partei

Charlie Hebdo: „Entschlossen, die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu leben“ (FKP)
Aufruf zur nationalen Einheit an alle republikanischen Kräfte angesichts der Barbarei, die die Mannschaft von Charlie Hebdo getroffen hat.

Das barbarische Blutbad, dem die Redaktion von Charlie Hebdo zum Opfer fiel, hinterlässt uns in Entsetzen und Schmerz, und verlangt eine kräftige Antwort der ganzen Nation.

Pierre Laurent und der Parteivorstand der FKP rufen dazu auf, dass sich im ganzen Land alle republikanischen Kräfte gegen die Barbarei wenden. Wenn eine Zeitung so angegriffen wird, wenn Menschen massakriert werden, deren Leidenschaft die Information und die Freiheit des Wortes waren, dann ist in der Tat jeder von uns angegriffen, dann ist die Republik ins Herz getroffen. Mögen die Täter dieser abscheulichen Tat gefasst werden und vor Gericht kommen.

Unsere Gedanken sind bei den Opfern, bei ihren Familien und Freunden. Heute morgen war es die Welt der Karikatur, der politischen Frechheit, des Humors und der Liebe zum Leben, das die Terroristen zum Schweigen bringen wollten. Die Brüderlichkeit und Gemeinschaft, die uns mit den Zeichnern von Charlie Hebdo einte, insbesondere beim Pressefest der Humanité, lassen den Schmerz noch tiefer sitzen.

Heute ist ein Tag, um in größtmöglicher Zahl Bürgerinnen und Bürger um die republikanischen Werte zu versammeln. Lasst uns als Millionen die Entschlossenheit unseres Landes bekräftigen, die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu leben.

Die Mitglieder der KPF und die kommunistischen und republikanischen Abgeordneten sind alle bei allen Initiativen der kommenden Tage dabei, wenn es darum geht, die Nation in einem Geiste der großen Zuversicht im Sinne der republikanischen Grundsätze zu vereinen, ohne Unterschied von philosophischen, politischen oder religiösen Weltanschauungen. Wir fordern auf, alle Pauschalisierungen und Stigmatisierungen abzulehnen und Aufrufe zu Hass und Rassismus zurückzuweisen.

Für heute Abend rufen wir zu einer Versammlung zu Ehren der Opfer auf: Platz der Republik, Paris, 18 Uhr.

Französische Kommunistische Partei

Paris, 7. Januar 2015

Übersetzung: DKP

»Die antwort kann nur mehr satire sein«

Titanic-chefredakteur Tim Wolff im gespäch mit dem Deutschlandfunk:

Wolff: »Ja, den Gedanken hat man natürlich. Aber ich glaube, da gibt es schon Unterschiede zwischen "Charlie Hebdo" und "Titanic" und auch zwischen Frankreich und Deutschland. Und auf einer ganz übergeordneten Ebene gilt auch einfach grundsätzlich, dass man als Satiremagazin keine Angst haben darf. Ich würde mich auch tatsächlich, obwohl es sehr wahrscheinlich erscheint, zurückhalten wollen mit dem Urteil, dass das jetzt Muslime waren. Ich würde da gerne noch abwarten wollen. Satiriker machen sich viele Feinde und es müssen nicht immer Muslime gewesen sein«. 
Schwarz: »Satire darf alles, sagt man. Trotzdem wird so ein Anschlag Satire natürlich auch nicht kalt lassen. Also, könnte es sein, dass man als Redaktion, auch als "Titanic"-Redaktion da zurückhaltender wird?« 
Wolff: »Nein, das sollte und darf nicht passieren. Grundsätzlich ist es so, Satire beschäftigt sich mit relevanten Themen. Und wer immer diesen Anschlag ausgeübt hat, hat sich relevanter gemacht. Also, das muss eigentlich mehr Satire nach sich ziehen.«
Ganzes interview lesen oder hören.

Auch Martin Sonneborn äußerte sich:
»Das ist nicht komisch. Mit Anzeigen, Abokündigungen oder Kalaschnikow-Geballer auf Satire zu reagieren, gilt in der Szene als unfein. Unser Mitleid gilt den Franz. Kollegen. Bei Titanic könnte so etwas nicht passieren, wir haben nur 6 Redakteure.«
Und bevor überhaupt jemand weiß, wer die täter waren, wissen selbstverständlich AfD und »pegida«, daß sie recht hatten. Dabei könnten es genau so gut rechtsradikale gewesen sein, denen das linksgerichtete satireblatt ein dorn im auge war. Der ermordete Stéphane Charbonnier z.b. war langjähriger unterstützer der Kommunististischen Partei Frankreichs und zeichnete plakate gegen den rassismus.

Aber die islamophoben müssen selbstverständlich ein urteil sprechen, bevor die täter bekannt sind.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Twix heißt jetzt Twix

Und auch sonst ändert sich nix. Und die »Freien Demokraten« heißen jetzt »Freie Demokraten«. Alles andere wäre zu liberal.

Zusätzlich zu ihren Schwedenramschmöbelfarben präsentiert sich die partei nun im kondomrosa der Telekom. Das läßt hoffen, daß die partei sich verhält wie die T-aktie nach dem kursrutsch und schön im dauertief bleibt.

Dienstag, 6. Januar 2015

Währungsreform 1948

Über die währungsreform nach dem 2. Weltkrieg lernten wir in der schule, daß an jenem 20. juni 1948, einem sonntag, zwar vielleicht nicht einigkeit, denn der sektor im osten sei davon durch die Sowjets davon ausgeschlossen gewesen, aber doch immerhin gerechtigkeit geherrscht habe. Denn schließlich habe ohne ansehen der person jeder den selben geldbetrag erhalten.

Und am abend jenes 20. juni 1948 habe es sich bereits herauskristallisiert, daß die menschen nun einmal nicht gleich sind: die einen hätten durch ihre tüchtigkeit ein bißchen mehr gehabt, während die anderen ihre paar kröten verjuxt hätten. Und das sei ein schönes beispiel dafür, daß die ganze gerechtigkeit nun einmal nichts bringe. Aber für alle sei gut gewesen, daß es in den läden von einem tag auf den anderen in den schaufenstern wieder richtige ware für richtiges geld gegeben habe.

All das in frage zu stellen, war nicht erwünscht.

Zeitzeugenbefragungen sind immer subjektiv. Mir hat nie jemand, den ich persönlich kannte oder kenne, der diese zeit nicht als klein- oder grundschulkind sondern als jugendlicher oder erwachsener erlebt hat, etwas positives über diese zeit erzählt.

Klar, die waren in den schaufenstern habe es schon gegeben. Aber eben nur in den schaufenstern und eben nicht zu hause, wo man das zeug gut hätte brauchen können. Und kaum brot und keine butter auf dem tisch. Meine anfangs jugendlich freudigen anmerkungen, daß es doch »irgendwie aufwärts« gegangen wäre, wurden stets zurückgewiesen.

Inzwischen habe ich indizien dafür gefunden, daß meine gesprächspartner sich absolut richtig erinnert haben: für die kosten der kriegswirtschaft der Hitlerleute wurden hauptsächlich die kleinsparer enteignet. Ausgebombte und flüchtlinge standen vor dem nichts: wer über den krieg nur sein kleines sparbuch gerettet hatte und sich ein kleines vermögen von 1000 RM zusammengespart hatte, bekam dafür 66,50 DM. Damit war auch damals nicht viel anzufangen.

Während die spareinlagen von 73,7 milliarden RM auf 3,7 milliarden DM reduziert wurden, liefen die betriebsvermögen 1 : 1 weiter. Aktienkapital verlor rund 18% des wertes. Mit der angeblichen gleichbehandlung war es also nicht übermäßig weit her. Wer geld in form von kapital besaß, verlor nichts bis wenig. Wer geld »bloß« als konsumtionsmittel brauchte, um davon lebensnotwendiges zu erwerben, verlor fast alles.

Die gewerkschaften, die kein kapital hatten, sondern die beiträge der mitglieder auf der bank, wurden schlagunfähig gemacht. Sie verloren, genau wie die eigentumslose mehrheit der bevölkerung, die sie vertreten wollten, 94% ihres besitzes.

Hitlers krieg und Erhards wirtschaftswunder wurden mit den spargroschen der lohnarbeitenden menschen bezahlt, die um ihr bißchen besitz betrogen wurden.


***

Wenn mir irgendwann danach ist, werde ich auch über die noch größere katastrophe, die währungsreform von 1990 schreiben. Der im vergangenen jahr verstorbene damalige präsident der Deutschen Bundesbank, Karl Otto Pöhl und Christa Luft, die damals die stellvertretende vorsitzende des ministerialrats für wirtschaft der DDR war, versuchten vergeblich, das schlimmste zu verhindern. Durchgesetzt wurden die pläne eines gewissen Horst Köhler und Thilo Sarrazin. Mit den heute allerseits bekannten folgen.

Sonntag, 4. Januar 2015

Was ist eigentlich TTIP?

An dieser stelle ein interessanter vortrag von dr. Peter Decker zu einem thema, zu dem mir bisher nicht nicht viel eingefallen ist, weil mir die diskussion um die »berühmten« chlorhühnchen zu blöde war und es tatsächlich um etwas anderes geht.

Aus dem ankündigungsflyer:
»...warum soll man als normaler Mensch für eine Ökonomie des Konkurrenzkampfs der Firmen ums Geld der Welt sein?

Ach so, wegen des großen Segens, der damit verbunden und gleichfalls versprochen ist: „TTIP schafft Arbeitsplätze!“ – Zigtausende, heißt es. Und kaum versprochen, fangen kritische Experten das Nachrechnen an und kommen zu „mageren“ bis „enttäuschenden“ bzw. „gefälschten“ Ergebnissen. Aber was ist das überhaupt für ein Versprechen? Für einen normalen Zeitgenossen, der einen Arbeitgeber finden muss, damit er sich überhaupt einen Lebensunterhalt verdienen kann, enthält die schöne Verheißung eher eine Drohung, oder genau genommen sogar zwei:

Nr. 1: Wie dein „Arbeitsplatz“ aussieht, was du dort zu tun hast, was du dort verdienst, das liegt überhaupt nicht in deiner Hand. Das entscheidet sich im internationalen Konkurrenzkampf der Firmen, für den eine Handvoll demokratisch gewählte Machthaber die Richtlinien erlassen.

Nr. 2: Auf einen solchen Arbeitsplatz bist du angewiesen, aber der Arbeitsplatz nicht auf dich. Ob es den überhaupt gibt, das entscheiden die Firmen im Zuge und im Interesse ihres grenzüberschreitenden Konkurrenzkampfes, für den demokratisch gewählte Politiker sich immer griffigere Richtlinien ausdenken

Eine schöne Ansage also: Du, lieber TTIP-Bürger, hast die Not, an eine Verdienstquelle zu kommen – die Verantwortlichen, schaffen und verwalten sie. Und ausgerechnet das soll ein unanfechtbar guter Grund sein, dafür zu sein – für das Funktionieren eines Ladens, in dem der normale Mensch die ehrenvolle Rolle der abhängigen Nullnummer spielen darf!«

Donnerstag, 1. Januar 2015

München, Freitag, d. 1. Januar 1915.

Zeitwende! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Das Schicksalsjahr 1915! Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Daß er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswürsten nicht ein.

Erich Mühsam. Hier weiterlesen - heft 13 (kriegstagebuch)