Donnerstag, 4. Dezember 2014

Demokratie, Thüringer art

Unter dem wenig reißerischen »SED-STAAT IN DER MITTE DEUTSCHLANDS?« fand man gestern und heute in fast allen Thüringischen tageszeitungen halbseitige anzeigen. Sechs träger des Thüringer Verdienstordens, die namentlich genannt werden, unterstützen diesen aufruf. Und angeblich »viele andere«. Wie viele und wer wird sicherheitshalber verschwiegen.
Die aussage des textes ist im grunde nichts anderes als »wir akzeptieren die wahl und die mehrheitsverhältnisse. Und darum akzeptieren wir sie nicht«. Natürlich nur, um schweren schaden abzuwenden und das ansehen des freistaates zu waren.

Gekostet hat die kampagne nach angaben des mdr allein für die Zeitungsgruppe Thüringen und den Südthüringer titeln der Regionalzeitungsgruppe Hof/Coburg/Suhl des Süddeutschen Verlages mindestens 50.000 €. Zusätzlich soll die anzeige heute in der FAZ erschienen sein.

Initiator der kampagne ist Stephan Schambach, gründer der Jenaer aktiengesellschaft Intershop Communications. Er sieht als wendegewinnler die »wiedervereinigung« als riesenerfolg mit »blühenden landschaften«. Für ihn persönlich mag das stimmen. Er ist jedoch ignorant genug, zu übersehen, daß es der breiten mehrheit eben nicht übermäßig gut geht.

Die fünf unterstützer sind

Reiner Kunze, geb. 1933 in Oelsnitz, Schriftsteller, SED-mitglied bis 1968. Siedelte 1977 mit seinen angehörigen aus der DDR aus.

Christian Tschesch, geb. 1946, diplom-theologe, rentner von beruf, polizeitseelsorger.

Dr. Gerd Schuchard, geb. 1942 in Erfurt, Dr. Ing., war bis 1989 wissenschaftlicher mitarbeiter des Carl-Zeiss-Forschungszentrums in Jena, träger des nationalpreises der DDR, welchen er ganz bestimmt für widerstand gegen den SED-staat erhalten hat. Seit 1990 mitglied der SPD.

Berthold Dücker, geb. 1947 in Geismar/Rhön, republikflucht 1964, volontariat und arbeit als journalist.

Prof. Dr. Dietfried Jorke war im Herbst 1989 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena tätig. Er bekam den Thüringer Verdienstorden verliehen, weil er gründer und sprecher der »Aktionsgemeinschaft zur demokratischen Erneuerung der Hochschule« (ADEH) war.

Über das demokratieverständnis des herr Jorke kann man in den »Studien zur Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena 1945 – 1990« (hg. Hoßfeld, Kaiser, Mestrup) folgendes lesen:
»So kam es am 23. Februar 1990 schließlich zu einer denkwürdigen Wahl. Alle drei Kandidaten waren abwesend. Gleich zu Beginn wurde erneut die Frage diskutiert, ob die Briefwahlstimmen auch in einem zweiten Wahlgang gültig seien. Mit 65 zu 35 Stimmen entschied man dagegen. Der erste Wahlgang brachte das zu erwartende ergebnis. Von den 114 abgegebenen Stimmen fielen 51 auf Klinger, 37 auf Riege und 26 auf Uhlig. Zur großen Überraschung der ADEH-Anhänger votierten jedoch im zweiten Wahlgang 53 Stimmen für Riege und nur 48 für Klinger.

Für die Beteiligten glich die Wahl einer emotionalen Berg- und Talfahrt – mit völlig überraschendem Ausgang. Die Anwesenden waren verdutzt. Die einen, da sie eine als sicher geglaubte wahl verloren hatten, die anderen, weil ihr Kandidat unverhofft das Rennen machte. Doch aufgrund der geäußerten rechtlichen Bedenken lag ein juristisches Nachspiel in der Luft. Dietfried Jorke notierte noch am Wahlabend, er wolle nach Beratung mit seinen Kollegen einen Antrag auf Annullierung der Wahl stellen. […] Und hinter vorgehaltener Hand wurde sogar der Zweifel genährt, ob bei ›so einem Rektor‹ die Westhilfe für die Unikliniken wie versprochen kommen würde.

Für diejenigen, die mit Rieges Abwahl einen Hoffnungsträger verloren hatten, war der Machtkampf an der Universität verloren, zumal Riege für einen neuen Urnengang nicht mehr zur Verfügung stand […]. Von einer Politisierung des Wahlaktes sprach schließlich auch Gerhard Riege in einer Erklärung zu seiner Abwahl:
›Ich sehe hinter dem Einspruch das von Anbeginn erkennbare Streben bestimmter Universitätsangehöriger, die von sich behaupten, für eine demokratische Erneuerung der Universität zu streiten, die Rektorwahl zu politisieren, mit allen mitteln ihrem Kandidaten zum Siege zu verhelfen und die Wahl eines Kandidaten zu verhindern, der sich zu seiner sozialistischen Überzeugung und zu seiner Mitgliedschaft zur SED bekennt.‹
«
An diesem demokratieverstandnis des herrn Jorke, daß gefälligst so lange abgestimmt werden muß, bis der genehme kandidat gewinnt, hat sich offenbar bis heute nichts geändert.

Gerhard Riege war rechtswissenschaftler und seit 1946 mitglied der SED. Im februar 1992 beging er aus angst vor dem hass der menschen selbstmord, nachdem er »gegauckt« worden war.

Und am haß zumindest einiger menschen hat sich seit dem offensichtlich nichts geändert. So wurden in Thüringen politikern der LINKEN die radmuttern von den autos abgeschraubt, Bodo Ramelow wurde von nazis vor seine haustür bedroht und seine frau bekam drohanrufe.

Dagegen, menschen in den suizid zu treiben, sie zu bedrohen oder sie in lebensgefahr zu bringen, haben die wackeren herren verdienstordenträger offensichtlich nichts. So lange es nur die richtigen trifft.

Kommentare:

  1. Warum gehen die Herrschaften eigentlich nicht nach hüben, wenn es ihnen drüben nicht paßt?

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    1. Ach, der feiste herr Luther hat neuerdings netz auf der Wartburg? Heut’ nützt’s halt nichts mehr, ins nächste fürstentum zu flüchten, hüben wie drüben die selbe schmächliche scheiße!

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    2. Feist? - Auf der Wartburg war er noch nicht feist, mein Herr Pseudonymvetter. Wie man nachsehen kann in der siebeneinhalbstündigen Verfilmung seines Lebens von Kurt Veith, DDR 1983. Hier z.B.. Oder man wartet ein bißchen; der wird ja in Thüringen demnächst wieder obligatorisch werden, und Westfernsehen verboten. - Aber egal.

      Für uns Obrigkeitsuntertanen lohnt sich das Fürstentumhopping natürlich nicht, aber ich dächte doch, daß die Herren Schambach & Konsorten sicher den einen oder anderen Landesfürsten in Westdeutschland finden würden, der sie vor der drohenden Umwandlung in Volkseigentum bewahrt.

      Apropos Volkseigentum: 50.000 hat die Anzeige bloß gekostet? Und dann spart er noch und leistet sich bloß eine halbe Zeitungsseite?

      Knickstiebel!

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  2. "SED-Staat in der Mitte Deutschlands?"

    Das ist schon harter Tobak!
    Einzig mit Feigheit ist dann das Fragezeichen zu erklären. Welches suggeriert, dass man doch eigentlich meinungsoffen ist.
    Diskursfähig.
    Dann doch bitte mit Ausrufezeichen, wenn man denn nun versucht, die Meinung der Menschen mit Geldmitteleinsatz propagandistisch zu beeinflussen.

    Ich habe langsam das Gefühl, dass da oben eine ziemlich Angst herrscht, die Menschen könnten die Reichtumsverteilungs-Verhältnisse und damit auch das System selbst in Frage stellen.

    Und das ist dann doch irgendwie beruhigend!
    Wenn die da Oben Angst haben,
    dann ist hier Unten Hoffnung.

    Liebe Grüße
    Dude

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    1. Das fragezeichen rührt wohl eher daher, daß die aktion dafür gedacht ist, irgendeinen umfaller aus dem parlament umzustimmen. Und das lassen die sich mal eben 50.000 € kosten. Die knete, von der hier ein normalmensch etliche jahre sein dasein zu fristen hat, verballern die mal eben, um ihr interesse an einer anderen regierung durchzudrücken - und der Ramelow hat nicht mal vor den kapitalismus in Thüringen abzuschaffen.

      Nee, mir gibt das keene hoffnung. Die bürgerliche demokratie wurde immer vom kapital bestimmt. Und das lassen die sich nicht aus der hand nehmen.

      Sofern der Ramelow nicht gewählt werden sollte, steht der parteilose Klaus Dicke, zufälligerweise professor aus JENA, als kandidat der CDU auf der liste, der dann von der AfD mitgewählt wird. Haben die zugesagt. Niemand weiß, wer das ist.

      Es wird argumentiert, die Thüringer wähler hätten den Ramelow nicht gewählt.

      Das mag so sein.

      Aber wer wählt den Dicke? Aus dem volk keiner. Weil keine sau weiß, wer das ist. Außer den herren interessanterweise größtenteils aus JENA, die diese aktion losgetreten haben. Mir gibt es schon zu denken, daß die Lieberknecht so »selbstlos« verzichtet hat, weil sie sich nicht von der AfD mitwählen lassen wöllte. Das ist doch auch nur wieder so ein konservativer kuhhandel.

      Wer auch immer heute in Thüringen gewählt wird. Aus »sachzwang« wird er so oder so nicht das interesse der leute vertreten.

      Liebe grüße,
      Mechthild

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  3. Mechthild, natürlich steht auch eine von der LINKEN geführte Landesregierung unter "Sachzwang". Hartz IV bspw. abschaffen geht eben nicht, mal abgesehen davon, dass es auch in Thüringen genügend Leute gibt, die das gar nicht wollten.
    Um wirklich an den ganz großen Rädern zu drehen, bräuchte die LINKE den Druck und die Unterstützung von der Straße, von den Zigtausenden, denen es in dieser Gesellschaft schlecht geht. Das ist aber weit und breit leider nicht in Sicht.

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    1. @Dirk
      wenn das mit dem druck von der straße bloß stimmen würde.

      Im Sommer vor 10 jahren sind die leute in Berlin zu -zigtausenden auf die straße gelaufen. Die GRÜNEN haben gegen sich selbst demonstriert, die saßen nämlich gemeinsam mit der SPD in der bundesregierung und in Berlin hatten wir einen rot-roten Senat. Gebracht hat das ganze nichts. Die regierung im reichstag hat die sicherung des wohlstandes durch verarmung trotzdem beschlossen. Und der senat hat das verarmungsprogramm mitgetragen.

      Heute bin ich nicht mehr für die abschaffung von h4, weil die gar nicht weit genug geht. Ich bin für die abschaffung der produktionsverhältnisse, die überhaupt solche verhältnisse hervorrufen. Nieder mit der lohnarbeit!

      Das wird es Thüringen ganz bestimmt nicht geben, aber wenn die LINKE regierung es wenigstens schafft, z.b. ein kostenloses kindergartenjahr für alle kinder einführen, wäre damit vielen familien schon ein stück weit geholfen. An den »großen rädern« wird so oder so nicht gedreht.

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