Donnerstag, 25. Juni 2015

Petition gegen sport

Eigentlich kann ich es befürworten, daß es jetzt eine petition gegen die »Bundesjugendspiele« gibt. Ich kann mich daran erinnern, daß dies »sportfest« und auch das training dazu im sportunterricht für weniger sportbegeisterte schüler eine qual und oft demütigend war. Ich kann mich daran erinnern, daß ich die 100m in weltrekordzeit sprintete, allerdings rekordzeit für die doppelte strecke und dafür vom lehrer ausgelacht wurde.

In ihrem blog schreibt Christine Finke: Sport sollte Spaß machen und ein positives Körpergefühl vermitteln. Aber die Bundesjugendspiele leben von Wertung: Aufwertung und Abwertung einzelner auf Kosten anderer. Oft ist das Lehrpersonal auch noch so unsensibel, die Unterschiede zwischen den Kindern besonders herauszustellen bei der anschließenden Vergabe der Urkunden in der Klasse. Bei einem Wettkampf gehöre es dazu, heißt es dann. Aber welchen Sinn hat ein Wettkampf, dem man sich nicht freiwillig stellt und bei dem Einzelne schon vorher wissen, dass sie am unteren Ende der Leistungsskala sein werden?

Ja, das stimmt. Aber ist es der frau doktor Finke noch nie aufgefallen, daß man in der schule fortwährend einem wettbewerb ausgesetzt ist, dem man sich nicht freiwillig stellt?

So weit ich mich erinnere, war die schule war kein ort des lernens, das war die tägliche konkurrenz, die irgendwie überstanden werden mußte.

Wenn ein notenspektrum von eins bis sechs vergeben werden muß, wobei die sechs bei uns nur in ausnahmefällen gegeben wurde, läuft es darauf raus, daß nicht alle gut sein dürfen - vielleicht erinnert sich noch jemand an Sabine Czerny. Die war eine lehrerin in Bayern, die vor einigen jahren in die schlagzeilen geriet, weil sie ihre schüler so gut unterichtete, daß keiner mehr schlecht war. Die frau wurde strafversetzt, weil das leider gar nicht geht, daß sich plötzlich alle für mathe begeistern und alle etwas lernen.

Die schule ist nicht nur bei den »Bundesjugendspielen« bzw. beim sport brutal, sondern auch in Deutsch, Englisch, mathe, chemie und was es sonst noch so gibt. Da werden immer die ungleichen gleich gemessen und in bezug auf die position in der konkurrenz bewertet.

So sympathisch ich die abneigung gegen sport finde, ich werde diese petition nicht unterschreiben. Ich halte sie für falsch. Sie greift einen blöden, kleinen teilaspekt aus der schulbildung raus, welchen ich zufällig besonders wenig mochte, im sportunterricht herrschte für gewöhnlich kasernenhofton. Wer schlappmachte wurde zusammengebrüllt, allein deshalb haßte ich den sportunterricht. Allerdings wurden mitschüler in anderen fächern, in denen ich gut war, nicht minder gequält.

Wenn, dann müßte man schon ein anderes schulsystem wollen.

Kommentare:

  1. Weise gesprochen, Mechthild. Eines der Kernprobleme dieser verkommenen Gesellschaft, das sich natürlich auch im aussortierenden Schulsystem wiederfindet, ist ja das hochnotpeinliche, völlig absurde Prinzip der Konkurrenz (beschönigend immer wieder gerne "Wettbewerb" genannt).

    Wo kämen wir auch hin, wenn man jungen Menschen stattdessen das Prinzip der Kooperation beibringen würde - wobei ich mir fast sicher bin, dass man dies den meisten Menschen gar nicht erst "beibringen" müsste, weil sie es eigentlich ohnehin als vollkommen selbstverständlich empfinden und man ihnen diesen "Makel" im Gegenteil erst mühsam "aberziehen" muss, damit am Ende der rein eigenwohlorientierte, konkurrenzbewusste und empathiefreie BWL-Roboter herauskommt, den sich die "Elite" und ihre stiefelleckenden Knopfleisten- und Schlips-Borg so heiß ersehnen.

    Konkurrenz und Wettbewerb gehören vielleicht ins Tierreich, wo testosteronschwangere Männchen dumpf darum buhlen, wessen Gene nun weitergegeben werden ... in einer humanistischen Gesellschaft hat dieser steinzeitliche Unsinn schon sehr, sehr lange nichts mehr verloren.

    Aber man erzähle das mal einem Insassen des heutigen kapitalistischen Gefängnisses ... im besten Falle versteht der gar nicht, was man sagt, und im schlimmsten Fall tippt er sich an die Stirn oder haut einem gleich aufs Maul, weil man den heiligen Gott frevlerisch gelästert hat. Die Steinzeit ist noch nicht überwunden.

    Liebe Grüße!

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    1. @ Charlie
      Das glaube ich auch, daß man kooperation den meisten menschen nicht beibringen müßte. Die leute sind von sich aus kooperativ und werden dann zur konkurrenz umerzogen. Nur leider bereitet dieses bescheuerte schulsystem die kinder genau auf das vor, was sie im kapitalismus erwartet: nach brauchbarkeit überprüft und selektiert werden. Und die weniger brauchbaren werden dann aussortiert.

      Es stimmt aber doch schon im tierreich nicht, daß die männchen zwangsläufig dumpfe bratzen sind, die nicht denken können. Weshalb sollte das dann beim menschen so sein? Im mai habe ich über forschungsergebnisse an ratten geschrieben, die belegen, daß sie durchaus imstande sind, die notlagen anderer zu erkennen und einander zu helfen. Ratten gehen nicht unbedingt immer friedfertig miteinander um.

      Selbst beobachte ich in der freien wildbahn meist nicht menschenmännchen sondern vögel. Die sind im sozialverhalten oft interessant, weil viele arten erstaunlich sozial agieren. Vermutlich hat so ein kleiner spatz mehr im hirn, als ein neoliberales menschenmännchen - und da will ich überhaupt nichts beschönigen: die neoliberalen weiber sind nicht minder blöd. Spatzen zanken sich auch ums futter, trotzdem holen sie immer ihre kollegen, wenn es was gibt. Vermutlich gibt ihnen die gruppe sicherheit, die sie als einzelkämpfer nicht hätten.

      In der steinzeit waren sie in ihrer menschwerdung womöglich weiter als heute, wahrscheinlich kannten sie damals das erpressungsmittel »privateigentum« nicht. Vielleicht waren die gar nicht so idiotisch, einander ständig eins mit der pompfe auf omme zu geben, wie man sich diese »primitiven« gern vorstellt. Die konnten sich es doch gar nicht leisten, gegeneinander zu konkurrieren. Ich tät es nicht ausschließen, daß es die menschheit zu etwas gebracht hat, weil sie durchaus imstande ist, auch gelegentlich die »denkerbse« einzuschalten.

      Liebe Grüße

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  2. Sportunterricht, den habe ich gehasst!

    Medizinbälle einander zuwerfen, Seile hochklettern, übers sog. Pferd Überschläge machen, Ringkämpfe gegeneinander usw.. Für das, was wir uns als Jungen wüschten, Ballspiele, blieben maximal fünf Minuten Zeit.

    Und im Unterricht wurden zunächst die Schüler mit den guten Noten aufgerufen und durften aufstehen und der Klasse präsentiert.

    Zum Schluss durften die aufstehen, die nicht aufgerufen waren. Das waren die mit der Note mangelhaft bis schlecht. Im letzten Schuljahr gehörte ich beim Diktat regelmässig dazu, was mich aber nicht weiter erschüttert hat.

    Heute beobachte ich diese gnadenlosen Selektionsmechanismen bei meiner Tochter und wie sie darunter leidet.
    Das Perverse daran ist, dass die Lehrer den Schülern einreden, dass sie ihre Noten verbessern könnten, wenn sie auch zu Hause noch fleissig lernen würden, was nicht zutrifft, und ihnen gleichzeitig mitteilen, dass nur wenige von ihnen mal eine Arbeit finden werden.

    Und das bei einem Schultag, der in der Regel um 8.00 Uhr beginnt und um 17.00 Uhr endet.

    Wir versuchen den Notendruck von unserer Tochter zu nehmen, was uns aber nur selten gelingt.

    Scheiss Gefühl, wenn man die eigene Jugend noch mal als Spiegel vorgehalten bekommt.

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    1. @ Troptard,

      das Französische bildungssystem habe ich im schüleraustausch als viel »freier« empfunden als das Westdeutsche, weil dort die menschensortiererei nicht so stattfand wie bei uns, sondern alle gemeinsam auf die schule gingen. Mittags gingen alle in die schulkantine essen, soweit ich mich erinnere, war das essen dort damals kostenlos und erstaunlich gut. Auch wurde nicht nach konfession getrennt, weil es zum glück auch keinen religionsunterricht gab, was mir extrem gut gefiel. Überhaupt nicht gefallen hat mir die unterrichtszeit von 8.30 bis 16.30, die ich viel zu lang fand. Aber für uns war nach dem mittagessen ohnehin meist schluß, weil wir austausschüler nicht nur die schule von innen sehen sollten, sondern uns auch für die Französische kultur begeistern, was wir natürlich planmäßig auch taten.

      Das problem ist auch in Frankreich, daß der kapitalismus überflüssige menschen produziert und dann bekommt man nach der schule nicht den ausbildungsplatz, den man gern hätte. Oder im schlimmsten fall gar keinen. Da hast Du überhaupt keine möglichkeit, den notendruck von Deiner Tochter zu nehmen, Du kannst sie bestenfalls motivieren, daß sie mit besseren noten bessere möglichkeiten hat.

      Aber ein guter abschluß bedeutet tatsächlich keine besseren lebensmöglichekeiten.

      Zurück zur petition gegen die bundesjugendspiele: die verfasserin wird inzwischen in väterrechtsblogs auseinandergenommen, weil sie, die promovierte sprachwissenschaftlerin, ende april über ihre prekäre situation geschrieben hatte.

      Die nehmen es natürlich nicht wahr, daß sie ein interesse an einem gescheiten leben für sich und die kinder hätten. Sondern, daß »madame« knete abzockt, wo sie doch so schön arbeiten könnte. Obgleich das nur schwer gelingen kann, wenn halt konkurrenz herrscht.

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