Freitag, 13. November 2015

Altkanzlertod

Zum tode Helmut Schmidts einige zitate einem interview aus dem »Tagesspiegel« von 2006:

»Das Jammern über „Armut in Deutschland“ muss endlich aufhören. Das, was man heute als Prekariat bezeichnet – sagen wir, ein 18jähriges Mädchen, das ein Kind zur Welt gebracht hat und von der Sozialfürsorge, genannt Hartz IV oder Arbeitslosengeld II, eine Wohnung bekommt und einen Fernseher, die Miete braucht sie nicht selbst zu bezahlen –, solche Schicksale gab es immer. Dieses Mädchen gilt als arm und abgehängt, doch in Wirklichkeit geht es ihr unendlich viel besser, als es uns in ihrem Alter gegangen ist. Wer heute von Hartz IV lebt, hat meist einen höheren Lebensstandard als in meiner Jugend ein Facharbeiter mit Frau und Kindern.«

An sich hätte einem klugen menschen wie Helmut Schmidt auffallen müssen, daß es in den 70 jahren, die zwischen seiner jugend und dem jahr 2006 lagen, eine gewaltige produktivitätssteigerung gegeben hat. Und daß es deshalb eine seltsame angelegenheit ist, daß trotz aller bemühungen der politik noch immer menschen von fürsorge leben müssen - oder eben genau wegen all dieser bemühungen.

Helmut Schmidt feierte seinen 18. geburtstag 1936. Also jenem jahr, in dem die Olympischen spiele durch fernsehübertragungen zu einem technischen großereignis wurden. Zwar gab es seit märz 1934 in Berlin-Witzleben den ersten fernsehsender der welt, jedoch war die industrie noch lange nicht so weit, fernsehröhren in massen zu produzieren, weshalb in der nachfolgenden zeit öffentliche fernsehstuben eröffneten. Es ist unsinn zu behaupten, die heutigen armen seien nicht wirklich arm, weil sie besitzen können, was es damals aus technischen gründen noch nicht in größeren mengen geben konnte.

Und ein 18jähriges mädel mit kind wäre damals, je noch abstammung und lebenswandel, entweder im KZ oder im lebensborn gelandet.

Denen, die nichts mit der NSDAP und anderen faschistischen organisationen zu tun haben wollten, ging es richtig schlecht. Beispielsweise aufrichtigen sozialdemokraten, die sich nicht gleichschalten lassen wollten. Zu denen zählte Schmidt seiner zeit nicht. Er stammte aus bürgerlichen verhältnissen, besuchte eine reformschule und trat als einziger seiner klasse bereits 1933 der HJ bei.

»Den Luxus eines immer kürzeren Arbeitslebens können wir uns nicht mehr leisten. Mit 63 Jahren in Rente gehen: Dieser Unfug muss aufhören. Und auch der Unfug, dass jemand bis 28 an der Universität herumstudiert.«

Weil die produktivität gesteigert wurde, soll länger gearbeitet werden. Die häßlichkeit dieser aussage sollte sich jeder klar machen.

Auf die frage, warum politiker etwas anderes tun als notwendig wäre, antwortete Schmidt

»Eine der Ursachen für diese Entwicklung ist das Fernsehen. Eine weitere Ursache, die sich noch gar nicht richtig ausgewirkt hat, ist das Internet. Fernsehen und Internet erziehen zur Oberflächlichkeit«

Das erklärt natürlich einiges. Durch nächtelanges fernseh- und internetgucken ist der altkanzler zur oberflächlichkeit erzogen worden. Für normale menschen, wie beispielsweise mich, sind fernsehen und internet einfach medien, die für alles mögliche brauchbar sind. Ich zumindest werde davon zu überhaupt nichts erzogen, hat dem altkanzler vielleicht die innere reife gefehlt?

Er war ein staatsmann von format. Ich bin der auffassung, daß staatsmänner (und -frauen!) aussterben sollten.

Kommentare:

  1. "Er war ein staatsmann von format. Ich bin der auffassung, daß staatsmänner (und -frauen!) aussterben sollten."
    Liebe Mechthild, darauf, dass das geschieht, werden wir leider vergeblich warten, fürchte ich.

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    1. Aussterberben ist eine wunderbar friedliche angelegenheit. Ich stelle mir die szene so schön feierlich vor: ich im schwarzen kleide mit einer träne im knopfloch und einem strauß roter nelken, dazu natürlich eine dem anlaß angemessen dramatische musik…

      … und dann bin ich nicht einmal imstande, dem anlaß angemessen zu gucken und muß aus albernheit lachen.

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  2. Das Lachen und das Weinen liegen recht nah beieinander..
    Was das Friedliche beim Aussterben angeht, volle Zustimmung. So sollte ja auch das ganz normale Standard-Sterben vonstatten gehn.

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