Freitag, 11. Juli 2014

Schlimmer als elektroschocks: denken. Und flaschenpfand als sinn

Eigentlich eine schöne sache im leben: nur mal da sitzen und ohne ablenkung keinesfalls nichts tun, sondern den gedanken nachhängen, tagträumen, frei vom zwang, sie aufzuschreiben oder sie anderen mitteilen zu wollen.

Doch offenbar wird das, was manch einer als lebensqualität sieht, von US-college-studenten als zumutung empfunden. Einer studie der Harvard Universität und der Universität von Virginia zufolge lenkten sich die studenten lieber mit elektroschoks ab, als auch nur 15 minuten nachzudenken.

Das gibt hoffnung: die werdende elite der supermacht malträtiert sich lieber selbst, als zu denken.

Ebenso wenig erhellend scheint die dissertation »Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur« des Freiburger soziologen Sebastian J. Moser zu sein.

Er will bei seinen beobachtungen festgestellt haben, daß die pfandsammler nicht des geldes wegen unterwegs seien, sondern aus sehnsucht nach einer festen tagesstruktur und einer sinnvollen betätigung. Es stelle ein zentrales problem dar, freie zeit auszufüllen.

Um freie zeit vernünftig zu verbringen, gäbe es aber wirklich genügend andere tätigkeiten, denen man nachgehen könnte: sich in einem verein engagieren, eine fremdsprache lernen, sich zu einem thema, das einen interessiert fortbilden, lesen, musik hören, selbst musizieren oder was einem auch immer einfallen mag. Um rauszukommen und leute zu sehen, was ein motiv der flaschensammler sei, könnte man auch in ein café oder einfach spazieren gehen.

Das problem dabei ist, das all diese betätigungen, die allesamt auch ihren sinn haben, in den meisten fällen nicht nur kein geld bringen, sondern im gegenteil sogar geld kosten. Wenn man knapp bei kasse ist, ist es tatsächlich sinnvoller, einer betätigung nachzugehen, die etwas geld einbringt.

Was an Mosers dissertation bzw. an diesem UniSpiegelartikel so ärgerlich ist, ist daß darum geworben wird, daß man auch diese arbeit, bei der im müll herumgewühlt werden muß, anerkennen soll.

Das sollte man nicht tun! Die menschenunwürde fängt keinesfalls erst an, wenn man solche menschen als »penner« bezeichnet, oder sie mit einer an eine schnur gebundenen flasche demütigt.

Für solche figuren, die dafür anerkennung fordern, scheint es völlig selbstverständlich zu sein, daß in dieser gesellschaft menschen so weit an den rand gedrängt werden, daß sie um jeden flaschenpfandcent dankbar sind. Da soll man nichts gegen die verhältnisse haben, sondern diese armen in ihrer gesellschaftlichen rolle anerkennen. Das ist schäbig.

Nachtrag: letzteres heißt natürlich keinesfalls, daß man zu den pfandflaschensammlern unfreundlich oder gemein sein soll. Das nicht. Man sollte jedoch nicht aktzeptieren, daß menschen so leben müssen. Auch in zeiten der arbeitslosigkeit habe ich nie das gefühl gehabt, daß es »zeit zum totschlagen« gegeben hätte, weshalb es mich fast depressiv stimmt, daß menschen mit freizeit angeblich nichts besseres mit ihrer zeit anzufangen wüßten, als aus purer langeweile flaschen im müll zu suchen. So ganz ohne not. Ich glaub das nicht.

Kommentare:

  1. Moser sollte seine feste Tagesstruktur aendern und einer sinnvollen Betätigung nachgehen, um zu vermeiden solch einen Quatsch zu produzieren.

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  2. Es ist immer wieder recht "erbaulich" zu lesen, dass und vor allem welche Gedanken sich "Besserverdiener" oder auf Lebenszeit in bestgesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen lebende Zeitgenossen um und über die systembedingt Aussortierten machen. Aber anscheinend haben die nichts sinnvolleres zu tun.
    Als frisch sanktionierter "Nichtleister" bin ich auch schon am überlegen, ob ich mich dem Hobby Flaschensammeln widmen sollte, aber in meiner Gegend gibt´s in dieser Hinsicht einfach zu viele "Mitbewerber".

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    1. Mir kommt es so vor, als wolle Moser auch noch in bester absicht nachweisen, daß die armen sich in moralisch korrekt in uneigennütziger art nützlich machen wollten.

      Ich war sonntagnachmittag ca. anderthalb stunden mit der regionalbahn unterwegs. In der zeit kamen vier pfandflaschensammler durch den zug, natürlich nur, weil das dem sonntagnachmittag mehr struktur gibt, als bei oma auf dem sofa zu sitzen und käsekuchen zu essen.

      Das ist die marktradikalisierung bis ins letzte: sogar um den müll muß es noch konkurrenz geben.

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  3. Das verhaelt sich wie mit den Elektroschocks und das Ergebnis ist zumeist schmerzhaft ...

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  4. Moser: Stündlich einen leichten Elektroschock und Dein Tag ist strukturiert.
    Und schön pünktlich sein.

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  5. Was den un/beabsichtigten Verlust des nach/denkens angeht, hatte ich in meiner Anfangszeit (als auch weiterhin) in den US meine aufschlussreiche Lehrzeit.
    Vor allem beruflich war ich anfangs, der unverzueglichen Spontanitaet meiner Kollegen/Konkurrenten, gar bewundernd beeindruckt. "Lets do this" ... "We can do that" ... High 5 ... und los gings.
    All mein 4tel Jahrhundert an pingeliger Vorarbeit, Preparation, Ausmessen, Winkelchecken, Layout, etc. (nachdenken) fuer die Katz? .... gluecklicherweise wurde mein arbeitsethisches Ego nicht widerlegt, da, nach der anfaenglichen Euphorie meiner Kollegen, zumeist Shit, Fuck & gewohntes Schaedelkratzen folgten, da upgefucked ..
    Daraufhin die ebenso gewohnte Phase des Fixns(Flickschusterei), welche wiederum euphorisiert mit "We can fix That" ... "We can do This" ... High 5 .. einhergeht ... und abschliessend mit dem gegenseitigschulterklopfenden "Lets call It Good" elektroschocked.

    Nach/Denken ist eine aufwendig unlogische Verzoegerung des Scheissebauens .. und Zeit kostet Scheisse wie auch Geld.
    Sich zB. Gedanken ueber jeglichste Art von Frieden etc. zu machen, ueberlaesst man u.A. Think Tanks (Tank Thinkers) "is an organization that performs research and advocacy concerning topics such as social policy, political strategy, economics, military, technology, and culture."), welche ausdruecklichst jeglichst friedliche Loesungen bis aufs Knochenmark bekaempfen. Diese Eliten sind nicht die Einzigen, welche den Elektroschock des Denkens vorziehen.
    Sicherlich nicht nur, aber auch meine Generation wurde und wird un/gezielt des Denkens muede.
    Aus besseren? Zeiten kommend staendige Verschlechterungen hinnehmend und somit Ueblerem fuer Morgen den Weg ebnen. Der staendig selbe Trott des schlechten Gewohnheitstier Mensch seit der Steinzeit.
    "Schlimmer geht Immer ... NOW Globaly for $19.95 ... call NOW and have your Creditcard ready to Charge .... YES YOU CAN!!"

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    1. Daß nachdenken eine aufwendig unlogische verzögerung des scheißebauens ist, trifft die angelegenheit ziemlich gut. Und nicht nur in bezug auf die Vereinigten Staaten.

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  6. ....fragt sich der Mensch: Wer ist oder war Moser? Glaubt der vllt., dass Flaschen sammeln so schön ist, dass Menschen garnicht genug davon kriegen können? Sicher müssen die meisten etwas tun, wenn jegliche Weile mal zu lang wird, weil sie das nichts tun und nichts passiert einfach nicht aushalten. Dass aber jemand ohne Not Flaschen sammelt oder beliebig blöde Jobs für einen € macht, ist einfach nicht vorstellbar. Es sei denn, man findet absolut nichts anderes zu tun bzw. Sanktionen drohen.

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    1. Ich vermute, daß die leute einfach wissen, was leute wie Moser von ihnen erwarten: sie sollen obwohl es keinen grund dazu gibt, trotzdem in dieser gesellschaft funktionieren, wie man es von ihnen erwartet.

      Im fernsehen sieht man oft, daß die leute mit elan ihren scheißjobs nachgehen, hauptsache arbeit, lebensqualität und bezahlung egal. Sie wollen wenigstens zu den »guten armen« gehören, die wenn überhaupt zu unrecht beschimpft werden. Wer armen menschen aber nicht als wissenschaftler von der uni, sondern als einer von ihnen begegnet, erfährt völlig anderes. Die leute kämpfen verzweifelt ums überleben und finden das alles andere als toll.

      Den menschen, die noch so etwas wie eine »bürgerliche existenz« haben, soll eingeredet werden, daß hier alles seine ordnung habe und jeder auf seinem platz ein sinnvolles leben führen kann, selbst der müllkramer. Man soll bloß nicht auf die idee kommen, daß derartiges abgeschafft gehört, sondern stattdessen seine nützlichkeit anerkennen.

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  7. "kämpfen verzweifelt..."
    Ich sehe das auch so, wobei es unterschiedliche Niveaus der Verzweiflung gibt. Manch einer merkt erst zu spät, dass er, bevor er "freigesetzt" wurde, auch schon verzweifelt kämpfte, als er seinen Arbeitsplatz noch für sicher hielt.
    Dass man zu den "guten Armen" gehören möchte, ist mir auch ganz verständlich; der Mensch ist ja ein soziales Wesen und neigt dazu, seine Fähigkeiten auch zum Nutzen der Gemeinschaft einzusetzen anstatt sie brachliegen zu lassen. Wenn sie aber wegen der wunderbaren Konstruktion dieser unserer Gesellschaft nicht gebraucht werden, wird diese Situation als soziale Ausgrenzung erlebt. Man erledigt die beschissensten Jobs also nicht allein, um den Geldbeutel minimal zu füllen, sondern auch mit dem Ergebnis, sich nicht völlig als Aussenseiter zu fühlen. Das muss ja aber nun eh keiner mehr, denn "wir sind alle Weltmeister!" - na dann

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