Samstag, 15. August 2020

Was man im geschichtsunterricht (nicht) lernt

In einem artikel in der Zeit schreibt die choreographin und tänzerin Nikeata Thompson über aufwachsen als schwarzes kind in einer Westdeutschen kleinstadt und wie sie mal mit ihrer familie in Köln grundlos von der polizei festgenommen wurde. Zum schluß schreibt sie:
Zitat Nikeata Thompson: »Heute träume ich von der ungeschminkten Wahrheit. Ich träume davon, dass unsere Geschichte vernünftig geschrieben wird – was wir in der Schule lernen, ist aus einer weißen Perspektive geschrieben. Warum lernen wir nicht, dass bereits im 18. Jahrhundert Schwarze nach Deutschland gebracht wurden, weil sie vor dem Kaiser tanzen sollten? Warum wissen die meisten Deutschen nicht, dass schwarze Menschen hierzulande in Unterhaltungsparks in Käfigen zur Schau gestellt wurden? Ich träume davon, dass uns bewusst wird, wie sehr Rassismus in unserem System verankert ist – und dass wir offen darüber sprechen können.«
Die frage, warum wir in der schule nicht lernen, daß im 18. jahrundert schwarze nach Deutschland gebracht wurden, weil sie vor dem kaiser tanzen sollten, ist relativ einfach zu beantworten: das geht nicht, weil es zu jener zeit in Deutschland noch überhaupt keinen kaiser gab. Da frage ich mich, weshalb das dem lektorat der »Zeit« nicht auffällt. Das ist schade, denn im grunde hat frau Thompson die gute idee, die geschichte vernünftig zu schreiben - und ausgerechnet da passiert so ein peinlicher fehler.

Das, worauf frau Thompson vermutlich anspielt, geschah auch nicht im 18. jahrhundert, sondern bereits im 17., ich nehme an, daß sie den »Großen Kurfürsten« Friedrich Wilhelm, kurfürst von Brandenburg und herzog von Preußen meint, der in den frühen 1680er jahren etliche junge männer und knaben aus Afrika verschleppen ließ, die bei hofe dienst leisten mußten und der sich fleißig am sklavenhandel beteiligte, um später die mittel zu haben, eigene kolonien zu erwerben.

Frau Thompsons these, daß die geschichte aus weißer sicht geschrieben würde, widerspreche ich weitgehend. Die geschichte wird aus herrschaftssicht geschrieben. Man sollte bedenken, daß es für den adel in Deutschland seiner zeit völlig normal war, menschen zu besitzen und über deren leben bestimmen zu dürfen. Ein großer teil der eingeborenen Deutschen war leibeigen - leibeigenschaft wurde in den unterschiedlichen fürstentümern ab beginn des 19. jahrhunderts abgeschafft und in den letzen erst 1918, also noch gar nicht so lange her - und hatte seinen herren zu gehorchen. Durch die politik des »Großen Kurfürsten« wurde deren existenz keineswegs verbessert, im gegenteil, sie wurden noch mehr ausgeplündert. In der geschichte Deutschlands verhält es sich nicht unbedingt so wie in der geschichte der USA, wo man es an der farbe sehen konnte, ob ein mensch frei ist oder nicht.

Das alles weiß ich nicht, weil ich im geschichtsunterricht aufgepaßt hätte. Dort wurde die Deutsche kolonialgeschichte wie folgt zusammengefaßt: »Deutschland hatte im grunde kaum und nur kurz kolonien, denn nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie ›uns‹ alle weggenommen.« Das sollte dann so irgendwie vermitteln, daß das ein verbrechen gewesen ist, an dem Deutschland ausnahmsweise mal nicht beteiligt gewesen sei oder wenn, dann nur ein ganz bißchen. Stimmt nur leider nicht.

Das thema hat mich auch nicht so wahnsinnig interessiert, ich kam wesentlich später eher zufällig drauf, mir wenigstens ein paar rudimentäre kenntnisse darüber anzulesen. Aber Nikeata Thompson hat völlig recht: jeder sollte das wissen.

Kommentare:

  1. Hallo Mechthild,

    Ich bin grundsätzlich deine Meinung, was die Perspektive der Geschichtsschreibung angeht.
    Ich muß dich historisch jedoch korrigieren.
    Mit 18. Jahrhundert ist die zeit von 1700-1800 gemeint. Da gab es noch ein Kaiserreich. Das alte HRR mit den habsburgischen Kaisern in Wien.
    In dieser Zeit wurde es unter den Fürsten Mode, sich schwarze Diener zu halten - die Kammermohren.
    Ich nehme an, hierauf wird im Zeitartikel referenziert.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kammermohr

    Einen schönen Sonntag

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    1. Nein.

      Im »Zeit«-Artikel geht es eindeutig nicht um Österreich, sondern um Deutschland. Da steht ziemlich klar, daß im 18. jahrhundert Schwarze nach Deutschland gebracht wurden, um vor dem Kaiser zu tanzen. Hat mit Österreich nichts zu tun. Das adelige geschmeiß war anderswo ebenso widerlich wie hier. Mon arsch.

      Wie sagte einst Horst Hannibal Schmidt?
      »Die Habsen und die Hohzen
      die waren echt zum kotzen!«

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  2. .....haben die Deutschen eigentlich keine anderen Probleme?....

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    1. Doch. In der reichshauptstadt ist es über 30°C warm und das speiseeis ist alle. Das ist nicht nur ein problem, sondern auch außerdem äußerst ungerecht!

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