Mittwoch, 15. Januar 2014

15. januar 1919


Stillgestanden, Hacken zusammen, Hände an die Hosennaht. Herr Doktor im weißen Mantel, Herr Pflasterkasten, hier ist ein Mann, den fanden wir im Tiergarten im Dreck. Hätten ihn beinahe überfahren, den haben sie auf die Straße geschmissen, das rote Pack. Tot ist er wohl auch, oder etwa nicht?

So, so. Unbekannter Mann, im Tiergarten gefunden. Gerade frisch scheint er auch nicht zu sein. Kopfwunden. Wollen mal Herztöne suchen.

Leider keine Zeit. Mann ist in besten Händen. Denken, haben unsere Pflicht getan. ’n Abend. Heraus, zum Auto. Gratuliere, ging fix, wie geölt. Den sind wir los. Unbekannter Mann im tiefsten Tiergarten gefunden, eine harte Nuß für Kriminalisten.

Im Ernstfall haben wir ihn auf der Flucht erschossen. (...)

Wo geht es jetzt hin? Wer weiß? Wer viel fragt, kriegt viele Antworten. Wohin? Wo es schön ist, zu Mutter Grün. Die Mutter ist nicht grün im Winter. Wo’s schön ist, wo’s düster ist.

Vorwärts, Jäger, Tempo, mehr Gas, nächster Gang.
Die blutige Rosa, die rote Sau, jetzt liegt sie da, man kann sich freuen. (...)

Die Leiche Rosas wurde im Mai an Land getrieben. Die Beisetzung der beiden in Friedrichsfelde erfolgte unter riesiger Teilnahme der Berliner Arbeiterschaft und gestaltete sich zu einer Demonstration, die beinahe an die vom 6. Januar heranreichte. Sie war auch von derselben Masse wie damals gebildet, nur daß sie es jetzt leichter hatte wie im Januar. Denn jetzt brauchte man nicht zu streiten und zu beraten auf welche Objekte man sich werfen wollte. Jetzt stand das Ziel fest.

Man zog auf einen Friedhof.



Alfred Döblin

Kommentare:

  1. Nun arbeiten sich hier gerade einige nach besten Kräften an einem armen Buben ab.
    Dass aber zu den Ausfällen eines Sudelknaben nichts in der linken Blogger-Szene zu lesen ist, macht schon nachdenklich.
    Aber weder beim Orpheus unter den westlinken Bloggern, Pan T., noch auf den NachDenkSeiten oder vom omnipräsenten „totschweige Kommentator“, altauto, ... finde ich ein Kritik an den ungeheuerlichen Ausfällen.
    Es mag ja ein Strategie sein, diesen hochdekorierten Schmutzfinken von präsidialen Gnaden mit regierungsamtlicher Unterstützung zu ignorieren. Ich habe aber einen anderen Verdacht, ein gestörtes Verhältnis der realen und vermeintlichen Westlinken zu Luxemburg und Liebknecht.

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  2. Daß westlinke ein gestörtes verhältnis zu Liebknecht und Luxemburg haben, kann ich nicht unbedingt bestätigen. Allerdings nehmen leute, die im westen wohnen, den Hohenschönhauser hobbyhistoriker vermutlich kaum wahr. Und ich gebe zu, daß ich es auch nicht immer registriere, wenn dieser mann einen satz sagt, weil er im grunde immerfort das selbe von sich gibt.

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