Mittwoch, 23. März 2016

Juhu! Moderne sklaverei nur ein moralisches problem - (teil 2 und schluß)

Hinweis: dank Hagnum hat die moderatorin diesmal auch einen namen. Katja Schwiglewski heißt sie. Sie stellt frau prof. Hartmann sogar eine sehr gute frage, die von selbiger allerdings leider schlecht beantwortet wird.

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Die frage, mit der der erste teil endete, war, ob es einen zusammenhang zwischen der eigenen unternehmenskultur und der moral im geschäftemachen gäbe.
Zitat Evi Hartmann: »Ja, ich glaube, es ist nicht nur die unternehmenskultur, sondern es fängt beim individuum an. Und es fängt an, denn ich bin mutter von vier kindern, das fängt im kindergarten an, das fängt aber auch zu hause an, das ist überall präsent und überall nicht genug thematisiert. Und letztlich auch in der firmenkultur.

Das ist ja ein beispiel, für ein unternehmen, das da schon sehr vorbildlich unterwegs ist, ›memorial monday‹, wo montags im prinzip in der kurzen pause der offene raum ist für das gespräch, wo beispielsweise die einkäufer erzählen können, was ihnen beispielsweise auf der geschäftsreise zu ihren lieferanten aufgefallen ist. Ob da z.b. brandschutzmaßnahmen sicher sind oder nur fingiert sind. Solchen rahmen muß man schaffen. Diese kommunikation muß gefördert werden und die ist bis dato nicht genug gefördert.«
Der erste teil der antwort hat mich etwas erstaunt. Es ist die moral in der unternehmenskultur gefragt und frau Hartmann fängt davon an, daß diese beim individuum im kindergarten anfinge. Was glaubt sie, was vierjährige über das geschäftemachen wissen müßten? Moral bekommen kinder für gewöhnlich ohnehin mehr als genug beigebracht - und die meisten merken recht schnell, daß man damit im zweifelsfall nicht übermäßig weit kommt.

Über bestimmte themen einfach mal montags in der kurzen pause zu quatschen mag das gewissen beruhigen, ändert aber nichts daran, daß arbeitsschutzmaßnahmen jedweder art ausbleiben, wenn man sie irgendwie umgehen kann, weil die geld kosten.
Zitat Katja Schwiglewski: »Also achtsamkeit nach innen und außen ist so ein begriff, vielleicht auch respekt?«

Zitat Evi Hartmann: »Ja. Und das sind werte, die nicht im vordergrund stehen, weil wenn wir aus ökonomischer sicht die wertschöpfungskette anschauen, dann wird da was optimiert nach verschiedenen kennzahlen, aber eine moralische kennzahl gibts da nicht.«
Von ein bißchen achtsamkeit und respekt können die leute weder hier noch sonstwo leben. Es ist eine ziemlich blöde vorstellung, daß man den markt bloß in ein korsett zwingen müßte und dann würde alles gut.

Eine moralische kennzahl gibt es nicht, weil die in der wertschöpfungskette nicht benötigt wird. Moral kann kann man sich in der konkurrenz nicht leisten, weil man da schnell ins hintertreffen gerät. Im grunde ist das auch jedem klar. Und wahrscheinlich sind die wenigsten menschen, die irgenwo im einkauf sitzen wirkliche schweine, die freude daran haben, andere menschen zu quälen. Sie haben vorgaben zu erfüllen, damit sie in der konkurrenz am markt bestehen können.

Wenn es darum nicht ginge, könnte man kleidung genau so gut in Thüringen herstellen lassen, wo einst die textilindustrie blühte. Dort gelten Deutsche arbeitsschutzbedingungen, die im vergleich zu Bangladesh immer noch relativ gut sind, man könnte etwas für den regionalen markt mitten in der inzwischen strukturschwachen region tun - aber genau das erzeugt die kosten, die man gern los sein möchte.
Zitat Katja Schwiglewski: »Ist es vielleicht ganz einfach, sie haben da ja auch den konsumenten angesprochen, daß die moral immer dann an ihre grenzen stößt, wenn sie unseren wohlstand und das bequeme leben tangiert?«
Als ein in den industiestaaten lebender mensch sollte man sich als erstes fragen, wie weit es mit dem eigenen wohlstand her ist.

Nämlich nicht so übermaßig weit. Zwar hat man hier einen lebensstandard, von dem die menschen in den entwicklungsländern nur träumen können. Allerdings wird man hier auf ganz anderem niveau dafür ausgequetscht.

Und das ist keineswegs etwas, das man als »bequemes leben« bezeichnen kann. Wenn man nämlich bequem leben könnte, weil man für die arbeit nicht mehr benötigt wird, ist schluß mit dem wohlstand. Denn das schöne geld bekommt man keinesfalls aus moralischen gründen, sondern allein, solange es sich rechnet und man produktiver arbeiten kann als jemand anders irgendwo sonst.
Zitat Evi Hartmann: »Ja, bequem ist da ganz sicherlich auch ein argument. Und teilweise natürlich auch die peinlichkeit und das statusdenken, man muß ja auch stark sein, sich darüber hinwegzusetzen, man muß mut aufbringen, weil man sonst vielleicht aus der reihe fällt und nicht da einkauft, wo die peer-gruppe einkauft. Das sind alles verhaltensweisen, die erfordern auch mut.«
Das mit der peinlichkeit und dem statusdenken ist eine angelegenheit über die ich ein wenig schmunzeln mußte.

Das ist ehrlich verrückt.

Ein arbeitsloser bräuchte einfach mal den mut, sich über die grenzen seiner »peer-gruppe« hinwegzusetzen. Der hat schließlich sonst keine gründe, seine klotten am Brunsbütteler Damm bei KIK zu kaufen, wenn es doch auch diese schnieke boutique von Chanel am Kurfürstendamm gibt. Er bringt es einfach nicht fertig da mal hinzugehen. Frechheit. Und alles nur, um bloß nicht aus der reihe zu fallen.

Allerdings ist es eine lebenslüge, daß teurere marken ihre sachen unter vernünftigen bedingungen produzieren würden. Zwar verwenden die meist bessere materialien, doch können die genau so gut in billigfabriken hergestellt und verarbeitet werden. Diese produktionsmethode hat übrigens der nicht-gerade-billig marke Apple rekordgewinne eingebracht, weil sie ihre luxusprodukte in den selben sweatshops zusammenlöten lassen wie die billiganbieter.

Es folgt eine ziemlich gute frage:
Zitat Katja Schwiglewski: »Was ich seltsam finde, ist daß politische unterdrückung in unserer öffentlichkeit sehr schnell starke empörung auslöst und die ökonomische unterdrückung von menschen, die ja millionenfach auf der welt passiert so wenig widerhall findet, haben Sie da eine erklärung für?«
Die antwort darauf ist eher dürftig:
Zitat Evi Hartmann: »Das war der auslöser für mein buch. Und als die katastrophe in Sabhar war. In meinem umfeld, in meinem privaten umfeld auch, wurde das fast gar nicht thematisiert. Da war diese empörung gar nicht zu spüren, und da habe ich mich genauer gefragt, warum? Warum muß so was schreckliches passieren und es passiert eigentlich nichts in einer verhaltensänderung bei mir selber. Und genau dort sehe ich den ansatzpunkt, das im prinzip bei jedem einzelnen anfängt, man muß darüber nachdenken.«
Da hat sie sich seit dem einsturz des Rana Plaza in Bangladesh mit der frage befaßt, warum so etwas passiert, gar ein buch drüber geschrieben. Aber mehr gelernt, als ein betroffenes gesicht zu machen, hat sie in diesen fast drei jahren dabei offenbar nicht.

Eine erklärung hat sie schon gar nicht, stattdessen bloß empörung.

Daß menschen in unserem wirtschaftssystem in ihrer existenz bedroht werden, gehört zum programm. Und zwar so sehr, daß es als selbstverständlich betrachtet wird. Beispielsweise wird deshalb in der letzten zeit oft abfällig von »wirtschaftsflüchtlingen« gesprochen, die nicht politisch verfolgt werden, sondern »bloß« in ihrer existenz bedroht sind und so überhaupt keinen grund hätten, ihre heimatländer zu verlassen.

In ihrer existenz bedroht sind aber nicht nur menschen in fernen ländern, sondern auch hiesige h4empfänger, die mitten in diesem angeblichen wohlstand auf grund von nichtigkeiten die existenzgrundlage gestrichen bekommen, auf der straße landen und dort langsam aber sicher zu grunde gehen.

Das ist die moral unseres wirtschaftssystems. Hier stehen interessen gegeneinander - und zwar nicht das interesse der menschen in den industrienationen an billigen konsumartikeln gegen das interesse der menschen in den entwicklungsländern, besser bezahlt zu werden, sondern das kapitalinteresse der profitmaximierung gegen das interesse der lohnarbeiter an einem guten leben grenzübergreifend.

Und das bekommt man mit der wohlmeinenden betroffenheit und verhaltensänderungen der einzelnen menschen nicht weg. Das ist nämlich ein grundsätzliches problem.
Zitat Katja Schwiglewski: »Sie sind ja selber professorin und bilden den wirtschaftlichen nachwuchs Deutschlands aus, wie kann man jetzt im BWL-studium solche ansätze konkret verfolgen, passiert das schon?

Zitat Evi Hartmann: »Die freiheit, solche aspekte ins curriculum einzubauen, hat jeder professor. Die hab ich auch für meine themen, natürlich bei mir im feld ›einkauf‹ supply-chain-management, das sind alles felder, wo dieses thema ›moral‹, wie verhalte ich mich fair, was sind ordentliche geschäftspraktiken, einen platz finden muß. Und vielleicht bisher nicht genug platz gefunden hat.«
Ist es möglich, auch etwas verstand ins curriculum einzubauen?

Beispielsweise die erkenntnis, daß zwangsläufigkeiten nicht durch ein bißchen moral aufgelöst werden können?

Es ist häßlich, einkäufer für diesen widerwärtigen markt auszubilden, der ihnen wenig spielraum läßt, weil die konkurrenz nicht schläft, um ihnen dann die moralkeule um die ohren zu hauen.
Zitat Katja Schwiglewski: »Aber die grundkoordinaten, wie unser wirtschaftssystem funktioniert, das es im grunde doch auf wachstum angelegt ist. Man sagt ein unternehmen kann nur bestehen, wenn es wächst und wenn es sich international aufstellt. Eledigt sich vieles nicht schon von alleine, wenn man so immer denkt?«

Zitat Evi Hartmann: »Nein, ich bin ein ganz klarer befürworter der globalisierung. Die globalisierung ist für uns extrem wichtig. Die ist auch nicht aufzuhalten oder wegzureden. Aber sie muß fair ablaufen. Die auswüchse der globalisierung, die müssen wir angehen. Und deswegen geht es trotzdem, daß wir wachsen und daß wir die potentiale in der welt nutzen.«
Auch hier habe ich den eindruck, daß die antwort nicht so richtig gut zur frage paßt. Denn es stimmt absolut, daß die moralfrage erledigt ist, wenn man in den grundkoordinaten unseres wirtschaftssystems denkt.

Interessant, daß für frau Hartmann die unangenehmen seiten des wirtschaftssystems einfach nur »auswüchse« sind, die man mit fairem verhalten wegbekäme. Ich glaube das nämlich nicht.
Zitat Katja Schwiglewski: »Herzlichen dank frau professor Hartmann für das gespächt«
Evi Hartmann: »Danke«
Hiermit ist mein kleiner ausflug in die welt der wirtschaftslehre beendet.

Beim schreiben habe ich mir fast den Hans-Werner Sinn zurückgewünscht. Den konnte ich zwar auch nie leiden, aber wenigstens war der ehrlich. Der hat nie behauptet, daß die grausamkeiten des wirtschaftssystems einfach nur »auswüchse« wären, die man mit ein bißchen fairness ausgleichen könne.

Widerlicher als wirtschaftsprofessoren sind wirtschaftsprofessoren, die dann auch noch die moral entdecken und meinen, die probleme der wirtschaft mit mehr moral lösen zu können.

Kommentare:

  1. Vielen Dank!
    Chef: "Meier, Moral ist gut und wichtig, aber im Betrieb könn' wer wenig damit anfangen, also lessense die ma schön zu Hause!"
    Frau Prof. war wohl noch nie inner Wirtschaft, außer für 'n Gläschen Wein.

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    1. Gerngeschehen.

      Wer mal in der wirtschaft (vielleicht abgesehen von schankwirtschaft) gearbeitet hat, hat eine ahnung davon, daß es vorgaben gibt, an denen es nichts zu rütteln gibt. Und alle guten vorsätze, wenigstens eine kleinigkeit zu ändern, so schnell verschwinden wie kakerlaken, wenn man das licht anmacht.

      Es kommt nicht von ungefähr, daß ich gegen kapitalismus bin.

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