Donnerstag, 1. Februar 2018

Dreckslochländer

In bezug auf Zeit-online, wo letztens gefragt wurde, warum manche länder drecklöcher sind, schreibt Tobias Blanken bei den Salonkolumnisten, daß der begriff »drecksregime« für solche länder angemessen wäre, weil ja nicht die länder an sich »dreckslöcher« wären, sondern das herrschende regime entscheidend sei.

Da ist die gute, alte DDR natürlich nicht weit. Schließlich sprach Donald Trump von »shithole countries«, weil er ein problem mit flüchtlingen aus dem ostblock hat - gegen die menschenmassen aus der DDR will er bekanntermaßen sogar eine mauer errichten lassen. Aber zurück zu Blankens text. Über die DDR schreibt er
zitat Tobias Blanken: »Beide Staaten fingen nach dem Krieg mit ähnlichem Menschenmaterial an, trotzdem nahm die Produktivität einen anderen Lauf.«
Natürlich fing die DDR mit ähnlichen menschen wie die BRD an, jedoch mit anderem, vor allem weniger material. Zwar waren die kriegsschäden auf dem gebiet der SBZ geringer als in den westzonen, doch leistete die SBZ 97 % der reparationsleistungen.
Zitat Tobias Blanken:»Entscheidend für die Produktivität ist nicht die Faulheit oder der Fleiß der Menschen am Arbeitsplatz, sondern wie effizient die Arbeitsprozesse organisiert sind – und welche Technologien zum Einsatz gebracht werden. Und da hat sich die dezentral organisierte Marktwirtschaft gegenüber der hierarchisch organisierten Planwirtschaft als überlegen erwiesen; die privatwirtschaftlichen Unternehmen der BRD konnten nahezu in jedem Jahr aufs Neue höhere Produktivitätszuwächse als die Staatswirtschaft der DDR erzielen. Produktivitätszuwächse, die sich dann über die Jahrzehnte so akkumulierten, dass die DDR trotz ähnlicher Ausgangsvoraussetzungen regulär abgehängt wurde. Und das mit drastischen Folgen, mit einem Drittel der Produktivität der BRD hätte die DDR 1989 die Arbeitszeiten verdreifachen müssen, um das Wohlstandsniveau der BRD zu erreichen. Was aber auch nur in der Theorie möglich ist, da Menschen schlichtweg nicht in der Lage sind, jede Woche aufs Neue eine 120-Stunden-Woche abzureißen.«
Wie ich oben bereits dargelegt hatte: auf dem gebiet der SBZ waren vor der staatsgründung der DDR ganze fabriken abgebaut, eisenbahngleise herausgerissen, loks und waggons mitgenommen worden. Nach der demontage von industrie- und eisenbahnanlagen lag die wirtschaftliche leistungfähigkeit bei etwas mehr als der hälfte des vorkriegsniveaus. All das mußte erst wieder aufgebaut werden. Damit waren die ausgangsvorraussetzungen eben alles andere als ähnlich wie im westen, sondern tatsächlich wesentlich schlechter.

Immerhin erkennt herr Blanken, daß für die produktivität andere dinge notwendig sind als bloß fleiß. Ein problem der DDR war, daß sie moderne maschinen, beispielsweise mangels devisen, nicht einfach so auf dem weltmarkt kaufen konnte, weshalb die notwendige modernisierung langsamer als im westen verlief.

Auf jeden fall sollte man darüber nachdenken, was das mit der produktivität übrhaupt bedeutet. Die wurde in Westdeutschland nicht aus langeweile oder wohltätigen zwecken gesteigert, sondern damit mehr gewinn für die unternehmer rausspringt. Produktivitätssteigerung bedeutet nicht unbedingt mehr wohlstand für die leute, die die leistung erbringen, sondern daß härter gearbeitet werden muß. Hierzu schreibt herr Blanken:
Zitat Tobias Blanken:»Heruntergebrochen, wenn ein Bürger der BRD eine Stunde arbeiten musste, um etwas herzustellen, musste ein Insasse der DDR drei Stunden arbeiten.«
Erstmal ist es natürlich ein ding, daß die menschen in der DDR für herrn Blanken natürlich keineswegs »bürger« sind, sondern knackigleich »insassen.«

Was hat denn die produktivitätssteigerung in der BRD gebracht?

Die leute, die arbeitsplätze hatten, mußten härter arbeiten. Und der rest, den man nicht mehr brauchte, war arbeitslos. In den 80er jahren gab es in der BRD arbeitslosenquoten von 7 – 9 %. 1989 gab es in der BRD mehr als zwei millionen arbeitslose.

In einer volkswirtschaft, in der die anfallende arbeit auf die gesamte arbeitsfähige bevölkerung verteilt wird, geht es nicht drum, aus jedem einzelnen das meiste rauszuprügeln, sondern die notwendige arbeit so zu verteilen, daß sie für die menschen möglichst leichter wird. Das ist ein völlig anderes konzept und läßt sich so nicht besonders gut vergleichen
Zitat Tobias Blanken:»Aber „Menschen aus Drecksregimen“ läuft womöglich Trumps Intention zuwider, denn „Regime“ klebt nicht an den Menschen, es taugt nicht als Stigmata.«
Meines wissens ist »stigmata« plural. Dieser satz ist also einigermaßen verkorkst. Aber jeder macht fehler, nicht nur die plankommission der DDR.
Zitat Tobias Blanken:»Dass die Produktivitätskluft zwischen der BRD und der DDR trotz ähnlichem Menschenmaterial breit wie der Grand Canyon war, geht vermutlich schon gar nicht mehr in seinen Kopf, dass schwarze Einwanderer in den USA sogar überdurchschnittlich performen, noch viel weniger, schließlich müsste der alte Mann mit dem blondierten Haar dann sein krudes Weltbild hinterfragen.«
So breit ist der Grand Canyon nun auch wieder nicht. Vielleicht müßte der mann mit den kruden gedanken unter der frisur sein weltbild mal hinterfragen, wenn er weniger vorurteilsbeladen auf die wirtschaft der DDR gucken würde. Die sache dürfte den einen oder anderen erstaunen.

1950 waren beide Deutschen staaten gegründet, sie fingen an zu wirtschaften - also für beide BIP-index (BIP = Bruttoinlandsprodukt) 100. 1989, also zum ende der DDR war der BIP-index immerhin auf 558 gewachsen. Der der BRD auf 534. Die DDR hatte also ein höheres wirtschaftswachtum als die BRD.

Dabei weiß man doch, daß die damals in der DDR gar nichts hinbekamen. Aber mal ehrlich: in der DDR haben sie aus eigener kraft aus erbärlichen verhältnissen einen immerhin bescheidenen wohlstand geschaffen.

Um ein klares bild von der planwirtschaft zu bekommen, müßte man das experiment mit tatsächlich gleichen bedingungen auf beiden seiten wiederholen.
Zitat Tobias Blanken:»Und das Hinterfragen ist eine Disziplin, bei der narzisstische, vorurteilsbeladene Menschen ganz mies performen, in diesem Fall sogar vollkommen unabhängig vom System.«
Daß der narzißtische, vorurteilsbeladene mensch nicht unbedingt bestens »performt« hat uns herr Blanken exzellent vorgeturnt. Ob er wohl bereit wäre, seine vorurteile abzubauen, kann man nicht wissen.

Er lebt leider in einem dreckslochland, in dem man vor politischer indoktrination nicht sicher ist - und so muß man ihm seine voreingenommenheit vielleicht nachsehen.

Kommentare:

  1. ....eben ein Drecks-Arschloch-Journalist....

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  2. Einwandfrei beschrieben - dafür gibt es drei Sterne von mir.

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  3. Interessant! Vielleicht sollte mensch noch erwähnen, dass 'der Westen' halt auch diverse Sachen im 'gering produktiven Osten' produzieren ließ. Die DDR-Betriebe hatten da tlw. echt Probleme, die Nachfrage zu bedienen. Insbesondere die westlichen Versandhäuser profitierten davon. Naja, der westlichen Textilindustrie war's net so recht. Aber von der Tendenz her macht's erklärbar, was dann nach der Wende - in Sachen Treuhand und so - ablief (unliebsame Konkurrenz beseitigen). Wie auch immer, auf dem MDR kam mal eine Sendung über die Ostprodukte im Westregal. War recht interessant, was da so alles produziert und nachgefragt wurde.

    Auf ARTE kam der Tage übrigens auch eine Sendung zur geplanten geplanten Obsoleszenz. In Sachen Ostblock und DDR hieß es, das wäre da ja eh kein Thema gewesen, weil da ging's um möglichst lang haltende Sachen; eine Anekdote gab's zu Narva-Glühbirnen, die ja länger halten sollten als normale, worauf die Ost-Ingeneure von den Westkollegen etwas wehleidig angeschaut wurden...

    So viel - als Ergänzung - zur Produktivität. ;-)

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    1. Die beiden von Dir angesprochenen dokus kenne ich natürlich. Auch ohne diese dokus war mir schon ziemlich lange klar, daß der wohlstand im westen auf kosten der menschen im osten aufgebaut wurde. Nicht nur, wegen der reparationszahlungen. Die DDR hatte eine exportquote von 40%. Viel zu viel.

      Und die besten sachen dem klassenfeind geliefert - und das ist, wo ich - als Wessi - das bild auf die DDR geradegerückt wissen möchte: die planwirtschaft, so mistig die gewesen ist, war erstaunlich leistungsfähig. Sonst hätte man uns im westen die schönen konsumartikel, die in der DDR so dringend benötigt worden wären, nicht für einen schundpreis um die ohren hauen können.

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  4. Vor Allem ist dieser Blanken ein geografischer/ geopolitischer Analphabet: die BRD und ihre Vorgängerstaaten haben schon immer von diversen wirtschaftlich sehr vorteilhaften Gewässerbedingungen profitiert – allen voran vom Rhein! Der Begriff vom rheinischen Kapitalismus ist nicht ohne konkrete geografische Gründe entstanden … Hier konnten sich all die Industrien ansiedeln und entwickeln, die jahrhundertelang von diesem naturgegebenen Vorteil profitiert haben – grenzüberschreitend. Von keinem Fluss auf der anderen Seite der Mauer kann dies behauptet werden (von der Donau/ Dunaj mal abgesehen – aber die hat seit den k. u. k./ k. k.-Zeiten nie wieder ihre damalige Bedeutung wiedererlangt, wegen des eisernen Vorhangs – nicht anders als die Elbe/ Labe …) Nicht zu vergessen die Marshal-Plan benefits für das per Schicksal besser davongekommene Halbdeutschland. Blanken, Sie verzapfen blanken Unsinn!!

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    1. In einem lied von Claire Waldoff hieß es »Unsere Havel ist unser Rhein« - und in gewisser weise stimmt das auch, denn ohne die schiffbaren flüsse Havel, Dahme und Spree wäre Berlin sicherlich nie eine bedeutende industriestadt geworden. Schon in vorindustrieller zeit entstand bereits anfang des 17. jahrhunderts zwischen Havel und Oder mit dem Finowkanal die erste künstliche wasserstraße Deutschlands.

      Ohne den Rhein wäre mit der industrialisierung in Westdeutschland mit sicherheit nichts gelaufen. Ob man die östlichen flußsysteme damit vergleichen kann, weiß ich nicht. Aber sicherlich heißt es nicht umsonst, daß »Berlin aus dem kahn erbaut« sei.

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  5. Demografie DDR war viel früher als in der BRD auf Verhütung der massiven Vermehrung eingestellt/Nicht alles war schlecht!

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  6. "Demografie DDR war viel früher als in der BRD auf Verhütung der massiven Vermehrung eingestellt"

    Deswegen hatte die DDR auch die höhere Geburtenrate und die BRD den Pillenknick in den 70ern.

    Was Akkumulationsrate, Verschuldung und Nationaleinkommen usw. betrifft, gibt es passend zum Beitrag ein Buch, welches o.g. bestätigt.

    Leseprobe

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    1. Danke für den sachdienlichen hinweis. Das buch »Was war die DDR wert?« von Siegfried Wenzel ist unverzichtbar, wenn man jenseits der propaganda wissen möchte, wie die wirtschaft der DDR aufgestellt war.

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