Samstag, 27. Juli 2013

Und wieder kein schlüssiges argument, das für das »bandbreitenmodell« spricht (5)

Zitat:
» In Grenzen funktioniert Sozialismus in Kibbuzim, weil sich in solchen Mini-Gesellschaften alle persönlich kennen. Kibbuzim beinhalten 3 wesentliche Erfolgskomponenten:
  • Die Motivation, zum Nutzen bekannter Menschen in einer überschauberen Gemeinschaft zu arbeiten
  • Gegenseitige Kontrolle und ein ausreichender Druck, nicht untätig zu Lasten der anderen zu leben
  • Die Akzeptanz eines sehr bescheidenen Lebensstils
Die Grenzen der Kibbuzim liegen darin, daß sie
  • nicht autonom ohne Geld existieren zu können, weil sie Maschinen, medizinische Versorgung, Küchengeräte und vieles mehr kaufen müssen
  • zwar simple landwirtschaftliche Betriebe realisieren können, aber keine komplexen, industriellen Produktionsprozesse«
Über Kibuzzim und wie die leute dort leben weiß ich wenig, weil mich das nie besonders interessiert hat. Auf mich hat das immer eher den eindruck einer art von »klostergemeinschaft« gemacht, wenngleich auch eher weltlich orientiert. Jedoch gab es in den 70er jahren des vergangenen jahrhunderts in Westdeutschland betriebe, in denen leute geld zusammenlegten, um produktionsmittel zu kaufen und sich kollektiv zu organisieren. In diesen betrieben gab es für gewöhnlich einheitsstundenlohn für alle. Ein kleiner betrieb kann eben nicht einfach aus einer geldbasierten wirtschaft aussteigen.

Für diese kollektive war es ein problem, daß sie erst rohstoffe und maschinen auf dem kapitalistischen markt einkaufen mußten und dann ihre dienstleistungen und produkte in konkurrenz zu allen anderen betrieben loswerden mußten. Die kollektiv organisierten betriebe haben nicht schlechter gearbeitet als andere auch, einige davon hat es auch lange gegeben, vielleicht existieren auch heute noch welche. Nur aus der idee, gescheite lebensbedingungen für die leute zu schaffen, ist wenig geworden. Man kann in diesem staat nicht einfach etwas anderes anderes machen, als steuern und sozialversicherung zu zahlen und in konkurrenz zu allen anderen am markt teilzunehmen und zu verkaufen, was man herstellt.

Das steht im gegensatz zu der behauptung, daß »sozialismus im kleinen« funktionieren könnte - offenbar hatten/haben die gelobten Kibbuzim die selben oder zumindest sehr ähnliche probleme.

Was die angeblichen »erfolgskomponenten« der Kibbuzim betrifft:

Man wird im kapitalismus nie gefragt, zu wessen nutzen man arbeiten mag. Als »arbeitnehmer« arbeitet man ohnehin nicht für den eigenen nutzen, sondern hauptsächlich für den nutzen des »arbeitgebers«. Das »Lexikon für Politische Ökonomie« (Leipzig 1981) schrieb, daß 1978 Bundesdeutsche arbeiter und angestellte im schnitt 2 stunden für ihren eigenen unterhalt pro tag arbeiteten und 6 stunden für ihren arbeitgeber. Durch die gesteigerte produktivität, die verschlechterungen der arbeitsbedingungen und reallöhne, kann man davon ausgehen, daß sich das verhältnis zu ungunsten der »arbeitnehmer« verändert hat. An dieser stelle möchte das BBM eine winzige korrektur anbringen, daß der auf lohnarbeit angewiesene mensch ein rosinchen mehr erhalten soll. Das widerspricht jedoch dem kapitalistischen prinzip der gewinnmaximierung. Auch heute ist es keinesfalls verboten, seinen arbeitern dicke löhne zu zahlen, passiert aber nicht. Um jeden lohnpfennig muß gestritten werden. Ein hersteller von luxuskarossen, beispielsweise, zahlt doch nicht mehr als notwendig, damit die arbeiter, die sich die dinger ohnehin nicht leisten können, die knete bei anderen firmen verjuxen. Da behält er das geld doch lieber gleich selbst. Ich gebe doch nichts weg, das mir gehört, um dann mit anderen darum konkurrieren zu müssen - da müßte man doch schon gehörig einen an der waffel haben.

Wer »gegenseitige kontrolle und ausreichenden druck« für ein vernünftiges mittel hält, menschen dazu zu motivieren, sich produktiv zu betätigen, hält viel von kontrolle - und hat ein beschissenes bild vom menschen. Als ob es als motivation nicht ausreichen würde, daß man am schluß das ergebnis der arbeit hat.

Es gibt rätsel auf, weshalb es ein »erfolg« sein soll, daß die leute im Kibbuz einen »sehr bescheidenen lebensstil« akzeptieren. Das tun alltäglich in der kapitalistisch organisierten welt milliarden menschen. Die wenigsten von denen leben in Kibbuzim, die meisten werden nicht einmal wissen, was das ist.

Die werden nicht gefragt, ob sie das in ordnung finden, so bescheiden zu leben. Die müssen mit den bedingungen, denen sie ausgesetzt sind, irgendwie klarkommen. Im normalfall entscheidet man sich nicht »bescheiden« leben zu wollen, denen bleibt überhaupt nichts anderes übrig, als hart zu arbeiten, ohne als gegenleistung so etwas wie ein »gutes leben« zu erhalten. Was auch immer sich die unterschiedlichen menschen darunter vorstellen mögen.

Und wenn die arbeitskraft der leute nicht zur kapitalvermehrung benötigt wird, dann wird aus dem bescheidenen ein beschissenes leben und das ist in Deutschland kaum anders als sonst überall in den ländern mit kapitalistischer wirtschaft.
Zitat:
» Der Sozialismus ist also systembedingt zum Scheitern verurteilt, sobald er über die Größe eines Kibbuz hinausgeht. Kommunismus bzw. eine Tauschwirtschjaft ohne Geld funktioniert nur bei indigenen Naturvölkern, die keinerlei Industrieprodukte benötigen, zu keiner modernen Medizin Zugang haben und sehr große Naturgebiete zum Überleben brauchen.«
An dieser stelle hat die »Bürgerbewegung Bandbreitenmodell« ein bild in ihre internetseite eingefügt, das man getrost als »rassistisch« bezeichnen kann: lauter dunkelhäutige nackerte oder fast nackerte. So nach der art »seht her, was diese primitiven wilden ohne geld ausrichten können - die können nicht mal bei KiK das billigste hemd kaufen.«

Bildaufschrift, ich zitiere wörtlich: »Die einzigen gesellschaften, in denen... ...Kommunismus und Wirtschaft ohne Geld... ...jemals funktionierten, sind indigene Stämme... ...ohne Konsumwünsche. Wollen Sie das auch?«

Weshalb man für so wenige worte so viele punkte benötigt, weiß ich allerdings auch nicht. Weiter steht im text:
Zitat:
» Wenn alle Menschen in Stammesgesellschaften anspruchslos in der Natur leben wollen und können, könnte Kommunismus funktionieren. Allerdings ist zweifelhaft, ob nennenswert viele Menschen so leben könnten und wollten.«
Oben hatte ich eine quelle aus der DDR verwendet, für die definition des kommunismus verwende ich eine quelle aus der BRD, nämlich das dtv Brokhaus Lexikon von 1988. Dort steht unter dem schlagwort kommunismus folgendes:
Zitat:
»[von lat. communis ›gemeinsam‹] bezeichnet a) die Vorstellung von einer zukünftigen Gesellschaft, in der das Privateigentum abgeschafft, die produktionsmittel in Geimeineigentum überführt, der Konsum auf der grundlage der gemeinschaftl. Lebensführung und allgemeiner Gütergemeinschaft geregelt und die materiellen und kulturellen Bedürfnisse aller Menschen gleichmäßig befriedigt werden, b) ökonom. und polit. Lehren, die auf Schaffung solcher Gesellschaftsordnung abzielen und c) polit. Bewegungen, die diese Lehren in die Praxis umsetzen wollen.

(...)Der K. ist eine gesellschaft ohne Klassen, ohne wesentl. Unterschiede zw. Stadt und Land, zw. körperl. und geistiger Arbeit ... Der K. ist eine Gesellschaft des Überflusses, in der das Prinzip herrscht, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.«
Kommunismus hat also mit dem leben der indigenen stämme in Afrika oder wo auch immer nichts zu tun. Indigene völker haben meist häuptlinge, leben häufig in konkurrenz untereinander und von einer gemeinsamen, arbeitsteilgen wirtschaftsweise kann auch nicht unbedingt die rede sein.

Und überhaupt: einer »bürgerbewegung«, die nicht einmal imstande ist, eine sachlich korrekte definition für eine sache im lexikon nachzuschlagen, sollte man nicht unbedingt zutrauen, ein vernünftiges wirtschaftsmodell auszudenken.

Beim nächsten mal wird es um planwirtschaft gehen.

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