Donnerstag, 11. Januar 2018

Totale zerstreuung!

Dritter teil meines artikels »Der computer ist schuld!« hier geht es zum anfang
Zitat Werner Seppmann: [...]»Worum es geht, zeigt ein einfaches Beispiel: Wer sich nur auf das Navigationssystem seines Autos verlässt, verliert schleichend seine geographische Orientierungsfähigkeit.«
Man kann nur fähigkeiten verlieren, die man irgendwann mal erworben hatte. Die meisten leute können sich gut dort orientieren, wo sie sich auskennen. In einer fremden stadt haben viele ein problem, den stadtplan zu lesen. Sicher sollte man sich nicht allein auf die technik verlassen, aber wenn man gerade nicht weiß, wo man lang muß, kann ein navigator durchaus hilfreich sein.

Diese technik ist dazu da, daß man sie an der stelle einsetzt, wo der persönliche orientierungssinn aussetzt. Natürlich kann man auch jemanden nach dem weg fragen, das setzt aber voraus, daß jemand da ist, den man fragen könnte.
Zitat Werner Seppmann: »Denken wir nur an die Auswirkungen permanenter Ablenkung, wenn ein Text mit vielen Links versehen ist. Texte mit Verweisungen auf andere Texte und Quellen, Erklärungen und Informationen - als Hypertext glorifiziert - gelten als große Errungenschaft der Internets. Der Text soll lesbarer und zugänglicher, sein Verständnis gefördert werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Entsprechende Studien zeigen, dass sowohl die Leseleistung reduziert wird, als auch das inhaltliche Verstehen abnimmt, wenn der Nutzer mit einer entgrenzten Informationsflut konfrontiert wird und er von einem Informationsangebot zum anderen springt.«
Ob links in texten tatsächlich stören, und die leseleistung (was auch immer darunter verstanden werden soll) reduzieren, kann ich nicht beurteilen. Beispielsweise in fremdsprachlichen texten finde ich es durchaus praktisch, wenn schwierige begriffe mit einer erklärung z.b. in einem lexikon verlinkt sind, mir zumindest hilft sowas durchaus für das verständnis. Links sind aber überhaupt keine erfindung der computerei, sondern kamen schon lange in gedruckten büchern vor. Damals nannte man das fuß- oder endnote.

Hypertext bedeutet doch bloß, daß man den text nicht unbedingt stur linear von anfang bis ende liest, sondern zwischendurch zu fuß- oder endnoten springt, um dann weiterzulesen. Wer sich z.b. mal mit dem Kapital befaßt hat, wird wissen, daß man sich an den fußnoten manchmal festlesen kann und man dann erstmal vom thema abweicht, an manchen stellen kann man auch erstmal bücher von anderen autoren hervorholen und darin lesen, wenn man wissen will, worauf Marx sich bezog, muß man aber nicht. Es sind einfach hinweise. Nicht anders verhält es sich mit links in texten. Da läßt die leseleistung natürlich gewaltig nach, wenn man den text nicht so schnell liest, weil man sich zwischendurch mit etwas anderem befaßt. Wahrscheinlich bin ich glatt verblödet, weil ich anstatt mich auf das Kapital zu konzentrieren, zwischendurch etwas über Malthus oder Proudhon wissen wollte. Das war widerrechtliche abschweifung.
Zitat Werner Seppmann: »Pädagogen müssen gegenwärtig mit Erschrecken feststellen, dass durch die Dominanz der Computertechnologie auch die Kulturtechnik der handschriftlichen Artikulationsfähigkeit verloren geht. Mittlerweile können schon Millionen von der Tastatur der elektronischen Apparate geprägten Kinder nicht mehr ausdauernd und leserlich schreiben.«
Ebensogut könnte man sich beschweren, daß mit der erfindung des buchdrucks die kulturtechnik des handschriftlichen bücherkopierens verloren ging.

Haben kinder heute tatsächlich größere schwierigkeiten mit der handschrift als früher? Soweit ich mich erinnern kann, haben sich schüler aller jahrgangsstufen immer darüber beklagt, zu viel schreiben zu müssen, wenn sie ein paar sachen notieren sollten und viele aufsatzhefte glichen, vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt kalligraphiebüchern. Wenn man es gelernt hat sich schriftlich zu artikulieren, ist es relativ egal, ob man dazu einen bleistift, einen kuli, eine schreibmaschine oder einen computer benutzt. In meiner grenzenlosen naivität habe ich geglaubt, daß kinder zur schule geschickt werden, damit sie dort lernen, wie man texte schreibt.

Daß die jugend verblödet, war schon den Alten Griechen bekannt, allein bei meiner generation hat es zum ersten mal auch wirklich gestimmt. Schließlich kam uns die sprache abhanden, weil wir walkmen besaßen und ständig mit kopfhörern rumliefen und uns mit bekanntermaßen verdummender popmusik zududelten, anstatt miteinander zu reden. Aber mit irgendwem mußten selbst wir über die musik, die wir toll fanden, reden. Schließlich wollten wir kassetten tauschen und manchmal mußten sogar briefe verfaßt werden, um an noch spannendere musik zu kommen. Das alles mitten im kommunikativen Neandertal ganz ohne sprache. Wobei briefe schreiben und kopfhörer aufhaben sich nun wirklich nicht ausschließen müssen.
Zitat Werner Seppmann: »Für viele ist der Smartphonegebrauch wichtiger als ein unmittelbarer Weltzugang und die personenbezogene Kommunikation geworden. An fast jedem Familientisch kann beispielsweise eine neue Form der Beziehungslosigkeit beobachtet werden, weil jeder auf das Smartphone-Display starrt und sein Gegenüber mit Missachtung straft.«
War es »beziehungslosigkeit« als man am familientisch noch die gute, alte, gedruckte zeitung las? Macht das einen unterschied, wenn man die zeitung heute in digitaler form liest? Da hat sich doch nicht viel geändert: man informiert sich über neuigkeiten - die, sofern man zeit hat, gleich diskutiert werden.

In früheren zeiten war es üblich, vor einem familiären freßgelage ein tischgebet zu sprechen. Man ließ den Herrn Jesus virtuell an der veranstaltung teilnehmen. Wenn heute zu so einem anlaß aufgetischt wird, fällt man auch nicht sofort über die speisen her, man läßt die nicht anwesenden virtuell teilhaben, indem man ihnen ein foto schickt. Das kann man blöde finden, aber ein »kommunikationskiller« muß das nun wirklich nicht sein. Man kann die bilder, die man erhalten hat, rumzeigen - und schon hat man wieder ein gesprächsthema. Wenn man sich mit den leuten, mit denen man am tisch sitzt, nichts zu sagen hat, nützt auch der verzicht auf zeitung oder smartphone nicht. Das sind auch wieder probleme, die mit der technik an sich wenig oder nichts zu tun haben.

In bälde geht es weiter.

Kommentare:

  1. Die Jugend von heute...

    "Daß die jugend verblödet, war schon den Alten Griechen bekannt, allein bei meiner generation hat es zum ersten mal auch wirklich gestimmt"

    Tja, wenn es nach dem Artikel geht, stimmt das anscheinend tatsächlich: https://www.focus.de/gesundheit/werden-menschen-duemmer-umwelthormone-eine-gefahr-fuer-das-menschliche-gehirn_id_7847170.html Kurz zusammengefasst: Der durchschnittliche Intelligenzquotient sinkt seit 20 Jahren in den Industrienationen.

    Alles im Niedergang, man
    Markus (https://der-5-minuten-blog.de)

    P.S. Andrerseits bringt das Smartphone auch neue geistige Fertigkeiten hervor. Ich saß vor ein paar Tagen in der S-Bahn und tippte eine Nachricht. Dabei vertippte ich mich andauernd. Mir gegenüber saß eine junge Frau. Vermutlich lag ihre Schreibfrequenz Faktor 3 oder vier höher als meine. Einen Fehler machte sie nur einmal. Das ist eine Leistung, die ich nie erreichen kann. Da würde mir auch keine Übung helfen. So gut könnte ich mich nicht fokussieren.

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    1. Wenn da was dran ist, was im Focus steht, dann liegt die verblödung aber nicht an der verwendung irgentwelcher technischer geräte, sondern womöglich an zu viel polyvinylchlorid, wer weiß ob das so stimmt?

      Das mit der erstaunlichen schreibfrequenz habe ich auch schon beobachtet - mit verbesserten schreibvorschlägen werde aber selbst ich als überzeugter bleistiftschreiber mit dem smartphone immer schneller - das problem dabei ist, daß ich dann nicht das schreibe, was ich im kopf formuliert habe, sondern das antippe, was das gerät mir vorschlägt. Das ist kein problem, wenn ich verabredet bin und schnell mitteilen möchte, daß die bahn zu spät kommt und ich im regen stehe. Texte hingegen sollte man so eher nicht schreiben. Für mich ein weiterer grund, bei der relativen kleinschreibung zu bleiben: dann brauche ich zum schreiben eben etwas länger, denke dadurch aber auch etwas besser nach, aber das ding »lernt« ja sogar begriffe, die ich verwende und wie ich sie verwende.

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