Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein Ruck-Sack weniger

Gestern verstarb in Bad Mergentheim der frühere bundespräsident Roman Herzog. Im nachruf schreibt die ARD er sei ein »anwalt der bürger« gewesen. Das läßt tief blicken, wer hier überhaupt als »bürger« wahrgenommen wird.

Zur erinnerung noch einmal das berühmte zitat aus der Ruck-Sack-Rede von 1997:
»Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen, vor allen Dingen von den geistigen, von den Schubläden und Kästchen, in die wir gleich alles legen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen:

die Arbeitgeber, indem sie Kosten nicht nur durch Entlassungen senken, die Arbeitnehmer, indem sie Arbeitszeit und -löhne mit der Lage ihrer Betriebe in Einklang bringen, die Gewerkschaften, indem sie betriebsnahe Tarifabschlüsse und flexiblere Arbeitsbeziehungen ermöglichen, Bundestag und Bundesrat, indem sie die großen Reformprojekte jetzt rasch voranbringen, die Interessengruppen in unserem Land, indem sie nicht zu Lasten des Gemeininteresses wirken.«
Mit dem »wir« das da von liebgewonnenen besitzständen abschied nehmen müsse, meinte er natürlich nicht sich selbst und die mandanten, deren anwalt er war, sondern den lästigen plebs, der unverschämt auch noch geld zum leben wollte. Von den arbeitgebern hat er das scheußliche opfer gefordert, endlich niedriglöhne zu zahlen.

»Profiteure« dieser schönen forderungen sind die vielen millionen prekarisierten. Da ist es gerechtfertigt, einfach mal »danke« zu sagen.

Herzog prägte auch 2008 den begriff der »rentnerdemokratie«, daß die alten immer mehr würden und die jungen ausplünderten. Da lag die frau, mit der er mehr als 40 jahre verheiratet gewesen war, längst unter der erde. Im alter von 63 jahren vor dem eintritt ins rentenalter an einer beliebten todesursache verstorben. Aber diese tatsache hat den herrn ex-präsidenten offenbar nicht berührt.

Ich muß jenen »anwalt der bürger« nicht betrauern, weil ich zu den »bürgern« gar nicht dazugehöre.

Kommentare:

  1. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Q-Journalismus-Holzmedium die Headline >Dichter und Denker< gestanden hat: ich würde eher in Tucholski´s Sinn von Richter und Henker reden wollen. Richter war er ja (am Bundes-verfassungsgericht) und einer der Henker des Sozialstaates
    als Vordenker der AfD (gehörte er doch dem Konvent für Deutschland an). Erst Gauck konnte ihn in Sachen Charakterlosigkeit in den Schatten stellen …

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    1. Ist echt irgendwer tatsächlich so dämlich gewesen, den Roman Herzog als dichter und denker zu bezeichnen?

      Ist der ausspruch vom richter und henker tatsächlich von Tucholsky? Ich habe den eigentlich eher Karl Kraus zugeordnet, Dürrenmatt hatte das, soweit ich weiß nur aufgegriffen.

      Der Herzog war am Bundesverfassungsgericht ja nicht nur ein irgendein richter, sondern der präsident und damit der chef des gerichts. Er »beriet« die letzte regierung der DDR, um selbige ziemlich schnell und brutal im sinne des westlichen kapitals auf dem schrottplatz der geschichte verschwinden zu lassen. Zur belohnung haben sie ihn dann zum Bundespräsidenten gemacht.

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    2. Der Aphorismus "Die Deutschen – das Volk der Richter und Henker" stammt in der Tat von Karl Kraus (aus seinem Band "Sprüche und Widersprüche", 1909). Tucholsky hat ihn aber allzu gerne aufgegriffen, beispielsweise in seinem Essay "Der deutsche Mensch" aus dem Jahr 1927.

      Die Jubelarien aus den Massenmedien auf Roman Herzog konnte ich leider nur teilweise lesen, da mir bei der Lektüre regelmäßig schlecht wurde. Ich habe es aufgegeben, als ich irgendwo (ich glaube, es war in der Zeit) einen kaum mehr lesbaren, schleimigen Nachruf fand, in dem u.v.a. von den "so dringend notwendigen und richtigen [das stand da wirklich] Reformen" die Rede war, die Herzog "angemahnt" hatte.

      Liebe Grüße!

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  2. Genau! – das D & D- Epitheton betitelte Die Zeit :D
    P.S.: K.K. war Österreicher – war´s u.U. ein Seitenhieb
    auf die Reichsdeutschen, deren Übermacht der k.(u).k.-
    Monarchie schon immer großes Unbehagen verursachte, leider zu Recht wg. 1938)

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