Freitag, 20. Juli 2012

Aufregend wie kalter kaffee: alternde rock’n’roll-»rebellen«

Als er noch gar kein kleistpreiträger war, schrieb der spätere kleistpreisträger Max Goldt einmal in einer kolumne

(...)»Ich singe heute nicht meinen Schmuse-Mitsing-Pogo-Evergreen ›Fickt das faschistoide Schweinestaat-Bullensystem‹, sondern ein weniger anbiederndes Lied namens ›Ich bin intelligent und habe keine finanziellen Sorgen‹.« Dies wäre der provokanteste und subversivste Songtitel, der sich denken läßt. Jedes Publikum würde vor Wut platzen (...)«

Die provokanten und subversiven textzeilen wurden einige zeit später von einer damals noch recht jungen Schweizer band, den Aeronauten, aufgegriffen. Das publikum platzte tatsächlich. Allerdings eher vor lachen - die sahen nun tatsächlich nicht unbedingt nach dem »großen geld« aus.

Vor wut platzte es erst jahre später: Als im Handelsblatt ein interview mit einem sänger, den ich noch nie leiden konnte, aber in den vergangenen ca. 20 jahren auch gar nicht mehr wahrgenommen hatte, stand.

Ich wunderte mich über die empörung, die man im internet an verschiedenen stellen finden konnte.

Daß rock’n’roll mit rebellion ungefähr soviel zu tun hat wie die katholische kirche mit freier liebe, dürfte eigentlich klar sein. Rockmusik ist ein geschäft, wie jedes andere auch, somit davon abhängig, was man den leuten verkaufen kann.

In diesen »(sozial)kritschen« songtexten findet man selten oder nie klare worte. Die leben vom eher unbestimmten gefühl - den großteil dieser texte könnte man auch völlig anders interpretieren. Ein guter rocktexter verprellt im idealfall überhaupt keine kunden durch harte worte.

Somit wird er sich, völlig egal wie er politisch denkt und auch egal, ob er überhaupt politisch denkt, selbst besser zensieren als das eine zensurbehörde je könnte. In sofern hat Wolfgang Niedecken peinliche fehler begangen, als er in interviews Angela Merkel lobte oder im oben genannten interview bekannte: »was weiß ich, was noch links ist. Keine ahnung«.

Soll ich mich nun drüber aufregen?

Nein!

Der ist ein geschäftsmann und hatte mit sicherheit noch nie eine ahnung, was links ist. Denn daran, was links ist, hat sich noch nie was geändert. Der mainstream, dem er unbedingt angehören muß, um den meisten leuten etwas zu bieten hat, sich geändert.

Es gibt die breite »grüne bewegung«, deren bestandteil auch bands wie BAP in gewisser weise waren, die sich selbst links verortete und es leider nie war, nicht mehr.

Die »rebellen« funktionieren seit langem auf unterschiedliche art und weise im bürgerlichen wohlfahrtssystem - und daran ist noch nie etwas »links« gewesen. Die ursachen, weshalb eigentlich sowohl in industrienationen (in USA mehr als in Deutschland) als auch in entwicklungsländern, menschen verhungern müssen, wurde nie hinterfragt. Auch in den hungerregionen Afrikas erhält man jedes lebensmittel nach dem einem der sinn steht. Sofern man einfach geld hat. In diesem wirtschaftssystem geht es nicht darum, allen leuten was zum verknuspern zu geben.

Deshalb braucht man das wohlfahrtssystem, in dem bestimmte menschen den kasper machen. Die sind das gute gewissen der ekelgesellschaft.

Kommentare:

  1. Natürlich hat Rock'n'Roll eine Menge mit Rebellentum zu tun, insofern, als er für mindestens eine Generation, eher zwei bis drei, das Bild von dem, was der Rebell sein könnte, sollte, müßte, dürfte, geprägt hat.

    Genauso wie die katholische Kirche eine Menge mit freier Liebe zu tun hat, indem sie nicht nur einer Generation erfolgreich eingeredet hat, daß sie zu dem Thema Liebe, freie, verklemmte, verkrüppelte, verhinderte Liebe, ein Wörtchen mitzureden hat, und kein geringes, und also überall dabei war, wo Liebe scheiterte oder gelang.

    Noch die Irritation darüber, daß aus den Hells Angels heutzutage nichts weiter geworden ist als Zuhälter / Unternehmer, hat eine Menge mit dem romantischen Bild des Rebellen zu tun, dem sie nun leider so gar nicht mehr entsprechen, und das vom 'Rebel without a Cause' geprägt worden ist.

    Und wenn James Dean und Marlon Brando nicht Rock'n'Roll sind, ist Niedecken es ganz bestimmt nicht. Nicht nur der Mainstream hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, auch die Altwasser, und besonders die die Ufer rechts und links unterhöhlenden Wirbel.

    Das soll Niedecken nicht entlasten; seine Auslassungen zu Schröder und Agenda sind grottig. Aber soll man sich darüber aufregen?

    Ja natürlich!

    (Wobei ich gestehe, daß Schröder auch bei mir einen Bonus hat: er ist der einzige in der ganzen SPD-Blase, der die Souveränität hat, sich hinzustellen und zu sagen: da ist uns was aus dem Ruder gelaufen, das war nicht der Sinn der Sache (bezogen auf die Verdrängung regulärer Beschäftigung durch Zeitarbeit). Wie immer unehrlich das auch gewesen sein mag, die Genossen der zweiten Garnitur verstehen sich nicht einmal zu dieser Lüge. Was uns lehrt, daß Schröder vom Potential her Rock'n'Roll ist, Steinmeier, Gabriel et. al. aber bloß Niedecken.)

    Jan

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    1. Was ist denn daran rebellisch, wenn James Dean nichts besseres zu tun hat, als sich ein schnelles auto zu besorgen und sich damit totzufahren?

      Mit auflehnung gegen die gesellschaftlichen verhältnisse hat das nicht das geringste zu tun, sondern eher mit abgrundtiefer dummheit, so bedauerlich die angelegenheit an sich sein mag.

      Ich will nicht absprechen, daß James Dean oder Marlon Brando »rock’n’roll« gewesen wären, ich hege lediglich zweifel daran, daß das damit verbundene rebellenrum etwas anderes als ein mythos sei. Brando kann man zwar immerhin zugute halten, daß er in der McCarthy-ära probleme hatte. Aber die bekam auch Thomas Mann - und da wüßte ich nicht, wie man denn noch bürgerlicher sein könnte.

      An rockerclubs, welcher art auch immer, hatte ich beim verfassen meines artikels überhaupt nicht gedacht - offenbar sind das eher sexistische und totaliltär organisierte »vereine« mit mafiösen tendenzen - also im grunde fast, wie die katholische kirche. In strukturen wie diesen kommen die leute nicht einmal auf die idee, daß es so etwas wie »freie liebe« geben könnte.

      Sozialdemokraten, ob nun erster oder zweiter garnitur, die sich dem kapital andienen, sind in den meisten fällen widerwärtiger als die kapitalisten selbst.

      Die SPD hat im wahlkampf 1998 relativ klar im programm gehabt, daß sie das im falle des wahlsieges das sozialprogramm dieses staates kurz- und kleinschlagen will - nichts anderes hieß deren programm, in dem, wenn auch in schöne worte gekleidet, bereits drinstand, einen niedriglohnsektor zu schaffen - lieber drecksjobs zu finanzieren als arbeitslosigkeit. Gerhard Schröder hat ebensowenig bonus verdient, wie die anderen staatslenker auch.

      Er hat nichts anderes getan, als das volk für das kapital nutzbar zu machen, wie alle anderen kanzler auch. Wobei ich anmerken möchte, daß er mit der »Hartz-Reform« fast noch schlimmer war als Kohl.

      Sofern Schröder »vom potential her« mit rock’n’roll zu tun haben sollte, ist es mit sicherheit gesünder, einen bogen um solche leute zu machen.

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