Donnerstag, 20. August 2015

Ideologieunterricht

Im wirtschaftslehreunterricht in Westdeutschland wurde gelehrt, daß es einen »wirtschaftlichen konflikt« gäbe, weil der mensch mit seinen unbegrenzten und unersättlichen bedürfnissen auf das karge angebot begrenzter und knapper güter stieße und damit die nachfrage das angebot übersteige.

Im tafelbild sah das ungefähr so aus:

Da raus sollte der schluß gezogen werden, daß es geld bräuchte, um den zugriff auf die güter einzuschränken und da durch ermöglicht würde, auszuwählen, hauszuhalten, einzuteilen und zu verteilen.

Vermutlich wird das heute noch so ähnlich gelehrt, obgleich es damals schon falsch war. Zuerst möchte ich auf die seite »privatleben« und »nachfrage« eingehen: die menschlichen bedürfnisse sind nicht unbegrenzt und unersättlich. An heißen sommertagen kommt es vor, daß ein mensch sich nahezu ohne ende nach kaltgetränken sehnt. Das mag schon mal dazu geführt haben, daß einer maßlos bier gesoffen hat, endlos saufen kann aber niemand, weil aus biologischen gründen irgendwann schluß damit ist. Um die idee der menschlichen unersättlichkeit zu untermauern, wurde im unterricht gar ein verschrobener sektenguru genannt, der luxusautos im hohen zweistelligen bereich besessen haben soll. Die frage, wohin denn der normale stadtmensch mit dutzenden autos soll, wenn er doch schon probleme bekommt, auch nur eines irgendwo zu parken, wurde nicht beantwortet.

Auf der anderen seite stand das angebot der wirtschaft mit den begrenzten, knappen gütern. Als hätte es damals keine butterberge oder nicht verkäufliche autos oder andere formen von überproduktion gegeben. Das wurde eher als eine art »betriebsunfall« erklärt. Schließlich kann es vorkommen, daß wenn die leute zu viel geld haben, keine kleinwagen mehr fahren wollen. Und logischer weise geht das damit einher, daß die leute billigstreichfett statt butter möchten. Weshalb eigentlich in der wunderbaren marktwirtschaft, wenn die »unersättlichen« bedürfnisse dann doch einmal gesättigt sind, nicht zufriedenheit und glück, sondern krise ist, wurde leider nie erklärt.

Tatsächlich sind die bedürfnisse der menschen durchaus maßvoll. Die breite mehrheit lebt nicht im luxus und hat eher den bescheidenen wunsch nach einem leben. Das maßlose bedürfnis findet sich auf der »wirtschaftsseite«, denn erst mit dem geld gibt es das maßlose bedürfnis, daß re-investiert wird, damit das geld mehr wird. Dabei geht es um kein harmloses tauschmittel, sondern kapital, das vorgeschossen wird, um gewinn abzuwerfen. Darüber nachzudenken oder gar kritik dran zu üben war unerwünscht.

Offensichtlich ging es auch in der alten Bundesrepublik nicht darum, daß schüler tatsachen lernen, sondern um ideologie.

Kommentare:

  1. Wirtschaftslehre? Nie gehabt! 1960er Jahre, mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig, 13. Schuljahr allerdings ausgelassen.

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    1. In den 1980er jahren war das teil des gesellschaftslehre-/politikunterrichtes. Allerdings habe ich den eindruck, daß die lehrer zu jener zeit relativ viel spielraum hatten, was drankommt, wenn die schwerpunkte wie »aufbau unserer demokratie« oder »das grundgesetz« und so durchgenommen waren. In anderen klassen wurde dann über asyl, arbeitslosigkeit oder andere soziale themen geredet, ich hatte immer konservative knöchInnen, die auch noch den letzten unbedarften linksliberalen in die konservative spur setzen wollten.

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  2. Ich steuere mal einige Links bei.
    1. http://gegenstandpunkt.com/mszarx/oek/arg/no_ti.htm
    Unter der Überschrift Knappheit das folgende:
    "Wenn der Mensch wirklich der Moloch wäre, als den der Ökonom ihn vorstellig machen will, wieso soll ihm dann ausgerechnet mit ,,ökonomischen Handlungen" geholfen sein? Wieso soll denn eine Entscheidung über ,,knappe Güter besser sein als eine andere, wenn dem Nimmersatt sowieso nicht beizukommen ist? Knappheit zum Grund des Wirtschaftens, zum Grund von allen ökonomischen Erscheinungen zu machen, ist absurd: Wenn Mangel herrscht und Mangel bleibt, dann ist alles entschieden.

    ,,Da aber in der Tauschwirtschaft nicht jede Nachfrage befriedigt werden kann, so muß die Tauschwirtschaft über ein Mittel verfügen, um die Nachfrage in angemessener Weise einschränken zu können. Dieses Mittel ist der Preis."(Cassel Grundgedanken der theoretischen Ökonomie, S.44,45)
    Das ist gut: Wenn es knapp zugeht, dann ist Beschränkung nötig. Sinndenker sind dazu in der Lage, als Prämisse und Schluß dasselbe anzuführen. Knappheit deshalb Knappheit: In dieser Formulierung macht es keinen Sinn. Verdoppelt in Problem und Aufgabe glaubt's jeder Dödel: Weil Knappheit herrscht ( = das Problem), deshalb ist es die Aufgabe der Ökonomie Knappheit = Beschränkung herzustellen. So erfährt man, wozu der Knappheitsgedanke gut ist: Alles, was es gibt, dient der Universalaufgabe ,,Bewältigung der Knappheit"."

    2. https://www.youtube.com/watch?v=R1F7bItzask
    Kritik der VWL von Peter Decker

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  3. kevin_sondermueller31. August 2015 um 14:48

    Als ich 1980 – um studieren zu können – mein Fachabi nachgebastelt habe
    (an einer FOS für Gestaltung), war unser WK-Lehrer schon ein vollentwickelter
    Neoliberaler. Offensichtlich war nach dem Chile-Experiment die Lehre Milton
    Friedman´s bereits zum Undercover-Paradigma der hiesigen BWL-Ideologie geworden. Und na ja, ab 1982 (der ungeistig-unmoralischen Wende) hat sich hierzulande ja alles in diese Richtung entwickelt.

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