Freitag, 28. August 2009

Ein Prolet erzählt

Die poletarische literatur der Weimarer Republik ist in den letzten jahren ein wenig in vergessenheit geraten, weshalb ich an Ludwig Turek erinnern möchte, der heute vor hundertelf jahren geboren wurde.

Zitat: »Am 28. August 1898, an einem Sonntagabend, erblickte ich zum erstenmal das Licht. Es war das Licht einer alten Petroleumlampe. Ich glaube, meine Mutter hatte zu dieser Geburt an einem Werktage keine Zeit. Auch der Umstand, daß ich nicht, wie die meisten Menschen in einem Bett, sondern auf kahlen Dielenbrettern neben einer uralten Kommode geboren wurde, spricht dafür, daß meine Mutter auf das Ereignis keinen großen Wert legte. Es ist auch nicht anzunehmen, sie habe mich aus Aberglauben an einem Sonntag auf diesen Planeten gesetzt, um mich den Glücksgöttern als Sonntagskind zu empfehlen...«

So beginnt Ludwig Tureks autobiographie, die 1929 in Wieland Herzfeldes Malik-Verlag erschien. In lebendiger sprache und nicht ganz ohne finsteren witz erzählt er seine geschichte: über die kindheit in der kaiserzeit, die für ihn, genau wie für die meisten menschen alles andere als romantisch war. Stattdessen berichtet er über hunger, elend und sklavenähnliche arbeitsverhältnisse schon als kind - im jahre 1912 immerhin eine der raren bezahlten lehrstellen als schriftsetzer und eintritt in die »Sozialistische Arbeiterjugend«. Nach der lehre folgt (unfreiwilliger) kriegsdienst und festungshaft als deserteur. Unter anderem in der festung Spandau (anmerkung: verfasser dieser zeilen war als 1€jobber gezwungen, an einer romantisierenden broschüre über diese hinterlassenschaft aus »der guten alten zeit« mitzuwirken), die als riesige folterkammer beschrieben wird. Todesstrafe durch arbeit und hunger.

Zitat: »Seit sechs Jahren arbeite ich nun in Leipzig als Setzer. Und seit vier Jahren in der Spamerschen Buchdruckerei, von der da stehet geschrieben: Und als der Herr Jesus die Spamersche Buchdruckerei zum ersten mal sah, drehte er sich um und weinte bitterlich.«

Die geschichtsschreibung überliefert, daß er eines sonntags früh um sieben, den verleger Wieland Herzfelde, welcher bei Spamer drucken ließ, in Berlin aus dem schlaf geklingelt haben soll, mit einem manuskript in der hand und in eile, weil er abends zur spätschicht wieder in Leipzig sein mußte. Von anderen verlacht, weil ein »pinscher« nichts zu sagen hat, war Ludwig Turek auf die idee gekommen, über sein leben zu schreiben. So persönlich diese geschichte ist, sagt sie viel über die politischen- und die lebensverhältnisse der damaligen zeit aus. Beim frühstück wurden sich Herzfelde und Turek einig. Der autor bekam die geforderten 800 mark für das manuskript. Das buch wurde in der erstauflage mit 8000 (!) exemplaren gedruckt. Die Spamersche Druckerei versuchte, das kapitel über ihre arbeitsbedingungen streichen zu lassen, aber weder autor noch verlag ließen sich durch geld korrumpieren.


»Um mitzuhelfen, die Duldsamkeit zu brechen - darum habe ich geschrieben. Nicht für Literaten und Schwärmer, sondern für meine Klasse.«

Ludwig Turek

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

anmerkungen willkommen, mißbrauch strafbar.